www.martinschlu.de

zurück

Bad Doberan
Boltenhagen

Darß
Fischland
Güstrow
Hiddensee
Ludwigslust
Rostock
Rügen

Schwerin

Stralsund

Usedom

Wismar



zur Hanse

Hiddensee
nach Schaprode - nach Wiek
Text und Fotos: © Martin Schlu 2008 - 2014, Stand: 15. April 2017

So erschließt sich einem die Insel, wenn man sie das erstemal von der Fähre sieht - bis man im Hafen ist, dauert es aber noch etwas.

Um nach Hiddensee zu kommen gibt es mehrere Möglichkeiten. Die schnellste und häufigste Verbindung für die Tagestouristen (TT) ist die von Schaprode oder Breege, jedoch ist der Autoparkplatz vor den Toren des Dorfs, er ist teuer und man muß viel laufen. Die Überfahrt geht dafür recht schnell. Wer sehr viel Zeit und Lust hat, kann - wie eh und je - auch ab Stralsund abfahren und braucht für die Verbindung gut zwei Stunden. Vom Darß aus kann man ab Zingst oder Barth fahren, doch im Herbst sind diese Verbindungen nur am Wochenende und so muß man, wenn man auf dem Darß wohnt, entweder die Frühfähre um 9:20 Uhr ab Stralsund nehmen, die ca. zwei Stunden bis zum Ort Kloster braucht, oder man fährt eine Stunde länger bis Schaprode und hat nur eine Stunde Fahrtzeit - es ist wirklich egal, denn vor halb elf ist man sowieso nicht auf der Insel. Wem das Reisen der Zweck ist, der nimmt die Fähre ab Wiek oder Dranske, die zweimal am Tag geht und bei der jede Strecke eine gute Stunde dauert. Von Schaprode kostete die Fahrt zuletzt 17,90 zzg. 1,50 Euro Tageskurkarte für Erwachsene, Behinderte fahren umsonst, ggf. ihre Begleitung auch. Die meisten nehmen als Autotouristen die Rügener Verbindung ab Schaprode und wer mit der Bahn anreist, startet eben ab Stralsund, wie dies früher auch der Standard war.
„Früher“ meint das 19. Jahrhundert, als die Insel nur etwas für ausgeflippte Künstler und die „Malweiber“ war, wie man die - vermeintlich durchgeknallten - Frauen empfand, die keinen Sinn für Mann, Kind und Herd hatten, sich wochen- und monatelang auf der Insel einmieteten und malten. Legendäre Figuren gibt es darunter, z. B. Elisabeth Büchsel (deren Geburtshaus in Stralsund in der Ossenreyerstraße liegt) und den Eremiten Alexander Ettenburg, ein heute vielleicht eher schrullig wirkender Mann, der aber erstmalig Kultur auf der Insel etablierte, nachdem er sich 1895 völlig mittellos auf Hiddensee niederließ. Als er 1919 in Stralsund starb, hatte er eine malerische Naturbühne an der „Svantevitschlucht“ etabliert, eine Bergschänke gegründet und die Insel für Kulturverrückte interessant gemacht - es war auf neudeutsch „ccol“ geworden, den Sommer auf Hiddensee zu verbringen. Mittlerweile war eine regelrechte Künstlerkolonie entstanden, nicht so wichtig wie Worpswede, aber schon vergleichbar mit Ahrenshoop und größer als Schwaan (Rostock). mehr davon über im Inselbericht über Rügen

Der übliche Ankunftsort ist der Ort Vitte oder der Ort Kloster etwa in der Mitte der langgestreckten Insel. Dort kommen die Fähren mit den Tagestouristen etwa ab zehn  Uhr an und werden von zahlreichen Kutschen erwartet. Wer das erste Mal auf der Insel ist, sollte sie sich von der Mitte aus erschließen. Das heißt, man steigt im Ort Vitte aus, nimmt eine Pferdekutsche, läßt sich vom Kutscher etwas erzählen und steigt im Ort Kloster etwas weiter nördlich aus.
Die Insel vom nördliche Leuchtturm aus gesehen
Die Insel vom nördlichen Leuchtturm aus gesehen: links die Ostsee, rechts der Bodden. Die weißen Punkte sind Kühe...
Wer gut zu Fuß ist, läuft etwa 2,5 km bis zum Hauptort Kloster, wer gemütlich zuckeln will, nimmt den Pferdewagen - die Insel ist autofrei. Der Kutscher meinte während der Fahrt zu mir, mittlerweile gäbe es bestimmt ein Dutzend Autos auf der Insel: Post, Energie, Hermes, Inselbus, Arzt, Pfarrer, Bürgermeister, ein paar Fischer und einer für die Polizei, aber die habe nicht viel zu tun. Kaum war der Satz gesagt, sah man den Polizisten - er kontrollierte einen E-Rollstuhl. Kein Witz, sondern wirklich passiert.

Kloster: Die Dorfstraße bei Hochbetrieb
Die Dorfstraße bei Hochbetrieb. Auf dieser Straße kann man seine Kinder ruhig spielen und laufen lassen. Unten besagte Polizeikontrolle.
Die Polizei kontrolliert einen Rollstuhl auf Hiddensee
In Kloster gibt es so etwas wie ein Zentrum, dort sind die Kirche, der Friedhof, das Haus von Gerhard Hauptmann mit angrenzendem Museum und genug Läden, in denen man essen und kaufen kann. Die meisten wollen zum Leuchtturm auf dem Inselteil „Dornbusch“. Wenn man das geschafft hat, kommt man auf dem Weg zum Schiff sowieso wieder durch den Ort und so gibt es keinen Grund, seine Einkäufe durch den Dornbusch zu tragen.

Das erste Mal war ich im Frühling auf Hiddensee. Die Bäume hatten kaum Laub angesetzt, die Krokusse blühten und die Dorfstraße wurde repariert. Ich dachte zuerst, sie würde gepflastert, habe bei einem zweiten und dritten Besuch aber mitgekriegt, daß sie nur geglättet und aufgefüllt wurde und weiß nun auch warum: Weil über die Straße ständig die Pferdekutschen rollen, kacken die die Pferde fleißig drauflos und ab und zu wird der ganze Mist mit Split versehen und in die Schlaglöcher gefüllt, die Walze geht ein paarmal drüber - fertig. Der Straßenbelag ist so biologisch-mineralisch, funktioniert ganz gut, erfüllt seinen Zweck und es stört keinen. Wem es gefällt, der kommt ja auch wieder und wem es sehr gut gefällt und wer mit sich oder zu zweit gut allein sein kann, der kommt mit dem Zug nach Stralsund, steigt am Hafen um und quartiert sich für längere Zeit ein - nicht anders als die ersten Touristen vor hundertfünzig Jahren auch.
Auf der Dorfstraße in Kloster tobt das Leben: ein Café, Fisch-, Bier- oder Souvenirgeschäft reiht sich an das andere, doch es gibt auch Echtes. Das Wohnhaus von Gerhard Hauptmann ist ein Muß, nicht nur für Deutschlehrer. Es macht auch Sinn, in den diversen Buchgeschäften über Literatur und Kunst in Hiddensee zu stöbern, man findet dort eine Menge, von dem man nichts geahnt hat und kriegt geistige Verbindungen zu vielen dagewesenen Künstlern, z.B. Thomas Mann, Walter Trier (hat nicht nur Hauptmann gezeichnet, sondern auch viele Illustrationen zu Kästners Kinderbüchern), dem Filmstar Asta Nielsen, dem Dichter Joachim Ringelnatz und vielen anderen. Gerade hat der Dichter Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis für sein Buch „Kruso“ bekommen, das auf Hiddensee spielt und regelmäßig gibt es Kleinkunstabende. Eine mittelgroße Jazzband wird zwar nicht so ohne weiteres hier spielen, weil ja auch die Tontechnik irgendwie transportiert werden muß, aber alles, was man tragen kann, kommt hier zum Einsatz und jeden Abend Kultur wird ja auch zu viel....

Das Hauptmann-Haus im Frühling
Oben: Das Hauptmann-Haus im Frühling,
unten:
Das Hauptmann-Haus im Herbst

Das Hauptmann-Haus im Herbst

Nach dem Hauptmann-Haus nimmt man sich vielleicht Zeit für die Kirche und den kleinen Friedhof, auf dem der Dichter begraben liegt (Nr. 3). Dort findet man auch den Regisseur Walter Felsenstein mit seiner Frau (Nr. 9) und weitere Künstler. Die Kirche ist eine typische Seemanns- und Fischerkirche und ein Bild einer dramatischen Rettung ist unter dem Orgelprospekt angebracht. Bei meinem vorletzten Besuch probte ein recht gutes Jugendsinfonieorchester dort und es stellte sich heraus, daß seit 50 Jahren im Juli immer ein Musiktreffen stattfindet, bei dem auf hohem Niveau musiziert wird. 

Von Kloster aus gibt es einen Rundweg zur Nordspitze, dem Ortsteil Dornbusch. Dort steht der berühmte Leuchtturm.
 Der Leuchttum am Abhang des Dornbusch
Der Leuchttum am Abhang des Dornbusch.
Auf dem Plateau vor dem Aufstieg habe ich auch einmal Günter Grass pfeiferauchend und zeichnend gesehen, wollte ihn aber nicht stören und habe ihn deswegen nicht angesprochen. Den schönsten Ausblick hat man sowieso auf diesem Plateau, denn da sieht man die ganze Insel: links den Bodden, rechts die „Brandung“ der Ostsee - auch so ein Motiv, das man nicht anständig knipsen kann, weil die Details nicht aufs Bild kommen.

links der Bodden, rechts die Ostsee
Links der Bodden, rechts die Ostsee, wenn man genau hinguckt, kann man Brandungswellen erkennen...

Der Leuchttum ist viel besucht, aber ich war bisher erst einmal oben, weil es bei den meisten Besuchen immer zu diesig war. Wenn man auf dem Weg zum Turm schon nicht klar Rügen erkennen kann, braucht man auch nicht nach oben zu klettern, weil man das dänische oder schwedische Festland mit Sicherheit auch nicht sieht. Die Touristenmassen, die das Schiff ausspuckt, pilgern daher auch zuerst nach oben (der Leuchtturm liegt ja auf einem kleinen Berglein) und wenn sie den weißen Turm das erste Mal sehen, gibt es Verkehrsstau, weil ja alle das Ding knipsen wollen. Dabei lohnt das Besteigen nicht wirklich, denn wenn man am Vormittag knipsen könnte, hat man entweder Gegenlicht aus Südosten (Öffungszeit morgens halb elf) und kann die Insel nicht vernünftig abbilden, oder man wartet auf das Abendlicht - doch ab 16:00 Uhr hat der Turm geschlossen. Ich bin trotzdem beim dritten Besuch nach oben gegangen (geklettert kann man bei knapp hundert Stufen nicht sagen, wenn man den Kölner Dom schon ein paarmal bestiegen hat), habe ein paar Bilder gemacht und bin wieder nach unten gegangen. Dicke Menschen über 130 kg sollten den Aufstieg sowieso lassen - die letzten sechzehn Stufen geht es über eine Hühnerleiter durch ein Loch in der Decke mit siebzig Zentimeter Durchmesser und wenn da jemand feststeckt, ist buchstäblich alles dicht.

Wenn man weiß, daß es auf Hiddensee um 1910 eine Künstlerkolonie ähnlich wie in Worpswede gab und auch heute noch viele Künstler von den Touristen leben, paßt das ganz gut. Ein bißchen von der Vergangenheit  kann man noch nachempfinden, wenn man nach dem Ausflug zum Leuchtturm beim „Klausner“ einkehrt. Überall am Weg stehen Kunstwerke, eine Bühne ist angedeutet und man kann noch erahnen, wo der Eremit seine Thetarvorstellungen abgehalten hat. In der Nähe der Gaststätte stehen zwei malerische Häuser mit zwei Zimmern direkt an der Steilküste, die in zwei Zimmern bestimmt zwanzig qm haben, also ein komfortables Wohnklo, in dem man auch übernachten kann, wenn man sich sehr lieb hat. Für eine Küche reicht der Platz nicht, so daß man zum Essen ins Restaurant geht, aber es ist bestimmt kuschelig und gemütlich. Viel Gepäck kann man zwar nicht mitnehmen, aber da fährt man auch nicht als Familie mit Kindern hin. Einen Hunni pro Tag muß mal allerdings rechnen und abends, wenn die  letzten Schiffe abgelegt haben, ist das Häuschen unschlagbar - es steht direkt am Abhang und man hat von der rückwärtigen Terasse den Blick auf Meer und Leuchttum.

Arbeitshaus des Malers Max Kaus.
Arbeitshaus des Malers Max Kaus.

Abwärts im Dorf tobt das Leben: auf einen Supermarkt kommen ca. dreißig Souvenirläden und zehn Künstlerateliers, die aktiv werden müssen, sobald das erste Schiff ankommt. Trotzdem gibt es auch normale Einwohner auf der Insel und einige wenige machen dort auch ein paar Tage bis ein paar Wochen Urlaub. Man erkennt sie daran, daß sie keinen Fotoapperat tragen, sondern ihre Einkäufe mit dem Handwagen nach Hause ziehen und weil hier nur wenige Autos fahren dürfen, kann ich mir schon vorstellen, daß drei Wochen hier absolut entschleunigend wirken. Ich komme bestimmt mal für eine Woche hierhin und laß das Handy aus.
 Hiddensee für Fortgeschrittene: ohne Kamera, aber mit Einkaufskarren.
Hiddensee für Fortgeschrittene: ohne Kamera, aber mit Einkaufskarren.

Literatur zur Einstimmung auf die Insel Hiddensee

Kulturthemen

Rüdiger Bernhardt: Gerhard Hauptmanns Hiddensee. Ellert & Richter., Hamburg 1996 ISBN 3-89234-598-8
Eine sehr fundierte Biographie Gerhard Hauprmanns mit dem Schwerpunkt Hiddensee. Ideal zur Nachbereitung des Besuchs im Hauptmann-Haus (Kloster).
Elisabeth Büchsel: Die Malerin von Hiddensee mit einem Text von Oda-Maria Schmidt. Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 2009
Bilder und Biographie der Malerin aus Stralsund.

Judith Kern: Der Tanz der Kraniche. Roman. Knaur Taschenbuch, München 2011
Der Roman handelt von einer aufstrebenden Malerin aus Stralsund, die um 1900 nach Hiddensse zieht um dort zu malen und in die Künstlerszene auf der Insel gerät. Der
historische Hintergrund spielt um die Pesonen Elisabeth Büchsel (Malerin) und den antrosophischen Eremiten Alexander Ettenburg (Kabarettist, Dichter, Impresario und Lebenskünstler), der eine Hiddenseer Künstlerszene ins Leben rief, auf dem Gebiet des heutigen Klausner ein Waldtheater unterhielt und mit der Malerin Maria Magdalinski eine langjährige Beziehung hatte. Wer mehr wissen will, möge den Roman lesen und dabei die genannten Personen googeln.

Marion Magas: Künstler auf Hiddensee. Berlin 2010
Engagierte Sammlung von Bildern, Texten und Biographien - sozusagen aus erster Hand, weil die Herausgeberin auf Hiddensee lebt und weiß, wovon sie spricht.

Renate Seydel (Hrsg.): Hiddensee. Ein Lesebuch. Ullstein-Verlag, Berlin 2004/2007.
Sammlung von Texten, Biographien, Lyrik und Bildern um und über die Insel Hiddensee. Insbesondere die biographischen Details zwischen dem "König von Hiddensee" Gerhard Hauptmann und der auf ihn eifersüchtigen Thomas Mann-Gattin Katia sind lesenswert, aber auch die Aufzeichungen des Dorfpfarrers und die Kapitel über Asta Nielsen und Joachim Ringelnatz.

Unterhaltung

Eric Berg: Das Nebelhaus. Kriminalroman. Blanvalet, München 2014
Der Roman von einem ungeklärten Verbrechen in  einem Haus auf Hiddensee, das Besondere sind die Psychogramme der handelnden Personen. Ideal zu lesen, wenn man schon ein paar Mal auf der Insel war, sich etwas auskennt und draußen schlechtes Wetter ist - das Finale findet bei Sturm statt.

Birgit Lauterbach/Johann Ebend: Hühnergötter. Prolibris-Verlag Rolf Wagner, Kassel 2005, ISBN 3-935263-29-5
Krimi, der auf Hiddensse spielt und von dem man mehr hat, wenn man schon da war. Ganz nett geschrieben und eine schöne Sommerlektüre bei gutem Wetter


Links 
https://de.wikipedia.org/wiki/Hiddensee
http://www.hiddenseeservice.de/?gclid=CMfA4dHGptMCFVAQ0wodLPkCQQ
http://www.seebad-hiddensee.de/

nach oben