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Usedom im Herbst
Text und Fotos: © Martin Schlu 2016,  Stand: 16. April 2017        Artikel als pdf (3,6 MB/14 Seiten)


zurück  Geschichte - Anreise - Heringsdorf - Bansin - Ahlbeck  - Wolgast - Peenemünde - Stadt Usedom

Usedom gilt als Sonneninsel Deutschlands, liegt für ehemalige Bundesdeutsche am äußersten Ende der Ostzone (dahinter fängt Polen an) und im letzten Sommer konnte man auf NDR-MV an jedem Wochenende im Radio verfolgen, wie die Wartezeiten für Anreisende bis Sonntag mittag auf über zwei Stunden kletterten. Mecklenburg-Vorpommern hat in diesem Sommer einen Übernachtungsrekord aufgestellt und die 30-Millionen-Marke geknackt. Usedom alleine hat dabei 5 Millionen Übernachtungen gestemmt. Offenbar mußten die Familien in der Autoschlange immer erst warten, bis die Familien am Anfang der Schlange eingeparkt hatten und so war es klar, daß unser erster Besuch nicht im Sommer liegen würde.
Nun wollten wir auch wissen, was es in Usedom so Besonderes gibt und so sind wir Mitte Oktober losgefahren. Kraniche gucken würde man hier auch können, dachten wir und weil in MV ab Oktober Nebensaison ist, fanden wir für EUR 70.- pro Übernachtung eine luxuriös ausgestattete Wohnung mit zwei Bädern und zwei Balkonen drei Minuten vom Strand entfernt. Daß wir auf den beiden Balkonen abends den einen oder anderen Schoppen nehmen würde, dachten wir auch - aber es ist dann anders gekommen, denn statt einer Woche Sonne hatten wir eine Woche regnerisches Wetter.  C'est la vie.

Usedom in der Darstellung Mattäus Merians 1622
  Darstellung Usedoms 1622 von Mathias Merian (1593-1650)  Darstellung der Stralsunder Handschrift von 1615

Geschichte
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Im 30jährigen Krieg war Usedom ein Teil des Wallenstein'schen Herrschaftsbereichs (nachdem Wallenstein zum Herzog von Mecklenburg ernannt worden war). Nachdem der dänische König Christian IV. 1628 seine Soldaten an der Mündung der Peene in Usedom abgesetzt hatte, versuchte er diesen Teil von Mecklenburg bis Wolgast zu erobern, wurde jedoch am 2. September 1628greg. (= 23. August nach dem julianischen Kalender) von Wallenstein mit ca. 8.000 Soldaten wieder vetrieben. Wallenstein ließ nun an der Nordspitze Peenemündes eine Festung errichten (Peenemünder Schanze) um weitere Invasionen zu verhindern. Das klappte aber nicht, weil nach knapp zwei Jahren der schwedische König Gustav Adolf am 6. Juli 1630 mit etwa 13.000 Soldaten diese Festung eroberte und mit seinem Heer über Stettin, Berlin, Frankfurt/Oder und Leipzig nach Süden marschieren konnte. Gustav Adolf gewann dabei soviel Einfluß, daß selbst noch viele Jahre nach seinem Tod 1632
Usedom in den Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück 1648 schwedisch blieb und mit Pommern nicht mehr zum deutschen Staatenbund gehörte, auch wenn der schwedische König nicht König von Pommern sein konnte, sondern nur Herzog in Pommern (das ist eine andere Geschichte).

Mehrere Male danach gab es Auseinandersetzungen zwischen schwedischen und preußischen Heeren, bis 1713 Usedom wieder preußisch wurde. Nun wurde die Swine ausgebaut, denn Usedom war eher ein Hindernis als eine Wohngegend und so gab es außer der Stadt Usedom lange Zeit nur einzelne Fischersiedlungen, aber jede Menge dichte Waldgebiete.

Auf der Insel gab es seit dem Mittelalter allerdings zwei Güter, Mellenthin und Gothen, die nach der „Eingemeindung“ 1713 an den preußischen Staat fielen. 1817 konnte der Bankier Georg Bernhard von Bülow die Reste von Gothen vom preußischen Staat kaufen. Weil die dazugehörigen Ländereien bis an die Ostsee gingen, ergab sich die Möglichkeit dort zu spekulieren und nachdem zwischen Ahlbeck und Bansin Teile des Waldes gerodet waren, wurde dort eine Art Fischfabrik für Heringe errichtet, ein „Heringsdorf“. König Friedrich Wilhelm III. besuchte als junger Konprinz diesen Ort, der eigentlich in erster Linie den Handel verbessern sollte und soll angeblich den Namen für dieses Kaff gewählt haben.

Weil Pommern wirtschaftlichen Aufschwung versprach, investierten Bankiers wie Hugo und Adelbert Delbrück und die Kölner Bank Sal. Oppenheim in den nächsten dreißig Jahren in die  Eisenbahnlinien Berlin-Wolgast, Heringsdorf-Swinemünde und andere Strecken, kauften und verkauften Land zur touristischen Erschließung für Straßen, Promenaden, Seebrücken, Hotels, Villen, Pensionen und Badeanstalten und finanzierten alles durch Staatsanleihen, für die der preußische Staat bürgte. Als das neue Urlaubsparadies fertig war, kam Kronprinz Friedrich Wilhelm III. 1866 zum Baden, brachte Weib, Kinder und Hofstaat mit und gab Usedom durch diesen Besuch den Ritterschlag des Tourismus.

In Heringsdorf nächtigte Wilhelm bezeichnenderweise in einem Haus der Bankierbrüder Delbrück, die mittlerweile als „Financier des Preußischen Staates“ galten und  nur zu gut wußten, wie man Geld verdient - später gründete sie die Deutsche Bank, noch später war die Familie Delbrück im Dienst des Reichskanzleramts und noch später wurde aus dem Heringsdorf die „Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf“. Reicher als die Delbrücks war nur noch Gerson von Bleichröder, der als reichster Mann Preußens und als viertreichster Mann der Welt galt und der den Deal zwischen Banken und preußischem Staat einfädelt hatte. Im Prinzip war Usedom nach dem Kaiser-Besuch eine Adresse der Reichen und Adeligen geworden und weil die meistens dieser Gruppe aus der Reichshauptstadt kamen, wurde das Dorf die „Badewanne Berlins“ - noch schlimmer als es in Boltenhagen heute der Fall ist.

Villa Staudt, in der Wilhelm als Kronprinz übernachtete
Bild der Villa Staudt, in der Wilhelm als Kronprinz übernachtete - die Kaiserbüste wurde erst nach seinem Tod hinzugefügt.

Später, als Kaiser, schaffte Wilhelm I. den Besuch nicht mehr - erst sein Enkel Wilhelm II. wurde wieder regelmäßiger Gast. Als Kind wurde er in die familiäre Sommerfrische mitgebracht, als Erwachsener kam er weniger aus Badefreude, sondern, weil in Swinemünde öfter Seemanöver stattfanden, an denen Wilhelm II. als Beobachter gerne teilnahm. Bis heute hat jedes Kaff auf Usedom deswegen einen Kaiserhof, eine Kaiserstraße oder ein Hotel Kaiser Wilhelm und die örtlichen Friseure bieten eine „Kaiserwelle“ an - kein Witz.

Nach 1866 war die Insel also sehr angesagt und insbesondere Bankiers, Anwälte und Ärzte leisteten sich nun gerne Villen dort, denn um die Villen war es ruhig, der Strand war breit, der Sand weiß und für die Damen gab es ausreichend Badekarren. Weil die Hälfte dieser Berliner Eliten jüdisch war, hatte dies Konsequenzen für die späteren Besitzer in der NS-Zeit und weil man noch später - nämlich in der DDR - mit den Villen der ehemaligen Nazi-Nutznießer nichts mehr zu tun haben wollte, gammelten etliche Villen solange vor sich hin, bis sie einstürzten oder durch moderne Hotels des Sozialismus ersetzt wurden. Was heute noch an alten Villen steht, ist die Ausnahme - unter einer Million ist an eine kleine heruntergekommene Villa nicht zu denken und Wohnungen in Venedig sind billiger.

Links zur Geschichte Usedom
https://de.wikipedia.org/wiki/Usedom#17._bis_18._Jahrhundert
https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Wolgast
https://de.wikipedia.org/wiki/Peenem%C3%BCnder_Schanze
https://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/barock/staendekonfession/krieg/1625.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_II._Adolf_(Schweden)
http://www.insel-usedom.net/news9.htm


Anreise und erster Tag
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Sonntag, kurz nach neun, starten wir von Rostock, nehmen die A 20 Richtung Stralsund und werden vor der Ausfahrt Greifswald auf die B 109 geleitet. Südlich dieser Stadt gibt es nur noch Felder und Wiesen und auf einmal sehe ich im Rückspiegel das Panorama, das ich von Caspar David Friedrich kenne. Blöderweise kann man nicht anhalten und so kann ich auch nicht überprüfen, ob die Perspektive die Gleiche ist wie die auf dem Bild, aber es sieht einen Moment so aus, als sei die Zeit stehengeblieben. Nach einem Abzweig zur B 111 passieren wir bei Wolgast die Peene über eine Klappbrücke, die alle passieren, die nach Usedom wollen und da diese Brücke jede Stunde für 15 Minuten offen bleibt, ist das die Sollbruchstelle, die bei Hochbetrieb dafür sorgt, daß der Stau der Urlauber wächst. Weil sie blau angestrichen und eine größere technische Leistung ist, heißt sie im Volksmund auch „Blaues Wunder“ (so etwas habe ich allerdings auch schon mal über eine Dresdner Brücke gehört). Weiter geht es die B 111 parallel zur Ostsee, die man allerdings nur im Navi sehen kann, denn zwischen Straße und Meer gibt es immer Wäldchen, Radwege und die Promenade - übrigens die längste Promenade Deutschlands, denn man kann bis Swinemünde durchlaufen, wenn man das will. Das Wetter ist ein bißchen regnerisch und kühl, die Temperatur liegt bei sechs Grad und so holen wir uns gegen halb eins den Schlüssel zur Fewo, schwatzen ein bißchen mit der Verwalterin und machen uns erst mal einen heißen Tee. Das Wasser ist zwar weniger kalkhaltiger als in Rostock (15,6 gegenüber 16,4 dH), doch in Bonn sind wir mit 6,3 dH verwöhnt - also werden wir Mineralwasser aus den Flaschen kaufen, wie man das aus Spanien oder Italien kennt. Der Tee schmeckt einfach besser, der Kaffee auch.

Nach dem Einkaufen und der Teepause suchen wir den Strand und finden jede Menge alter Villen, die vermutlich vor und um 1900 gebaut worden sein dürften. Allerdings gibt es auch verfallene Villen, die vermutlich bei Engl & Völkers für einen siebenstelligen Betrag zu erwerben sind. Wenn man eine Million über hat, kann man sich also überlegen, ob man restauriert oder neu baut. Leider habe ich dieses Problem nicht.

verfallene Villa in Strandnähe
Villa in Strandnähe, leicht renovierungsbedürftig, zentrale Lage, fließend Wasser an der Wand...

Heringsdorf - nach oben
Die Strandpromenade ist von Bäumen geschützt und bietet daher einen guten Windschutz, denn weil es gerade sechs Grad hat und ein frischer Ostwind bläst, braucht man wirklich Mützen und Handschuhe. Als wir an der Seebrücke angekommen sind, erleben wir eine Überraschung: Man macht eine Tür auf und steht im Warmen, denn auf der Seebrücke (es soll mit knapp 600 Meter Länge die längste Deutschlands sein) gibt es eine kleine Mall mit Geschäften für Schuhe, Bekleidung und natürlich Freßbuden und Souvenirläden. Am Ende der Ladenzeile geht es wieder ins Freie hinaus und dort stehen Glaswände, die den Wind  zum größten Teil abhalten. Da waren intelligente Leute bei der Planung beteiligt und auch die Möwen wissen, daß man durch die Scheiben nicht durchfliegen kann und jonglieren gekonnt zwischen den freien Stellen herum. Nach einer gewissen Zeit haben wir das Bedürfnis nach einem heißen Tee/Kaffee und so gehen wir in die Fewo, begucken uns den kalten Balkon und freuen uns über eine warme Wohnung. Draußen wird es dunkel.

Am nächsten Tag ziehen wir durch Heringsdorf und stellen sehr schnell fest, wer die Zielgruppe ist: Generation 50+ mit erwachsenen und nicht mehr quengelnden Kindern, etwas Geld im Beutel und dem Bedürfnis nach Ruhe, Lesen, Spaziergängen oder Fahrradfahren am Meer. Ab und zu finden wir jüngere Eltern mit mißmutig guckenden Kindern, denen die Strandspaziergänge langweilig sind und weil es für das Planschen und Sandburgenbauen wirklich zu kalt ist, müssen diese Eltern dann in der Gegend herumfahren um ihre Blagen zu bespaßen: Karls Erlebnisdorf, diverse Pizzerien, irgendwelche Ausstellungen mit Tonkriegern, künstlichen Pferden, Hüpfburgen und Plastikwelten - ganz ehrlich, für junge Familien mit kleinen Kindern ist Usedom nur im Sommer was, weil man dann den Tag am Meer verbringen kann.

Strand und Seebrücke in Heringsdorf
Strand und Seebrücke in Heringsdorf

Geht man an der Seepromenade und am riesigen Strandkorb vorbei nach links ins Hinterland, stößt man auf die ehemalige Spielbank der Stadt, die seit 2014 stillgelegt wurde und nun eine große Buch- und Kunsthandlung für Gebrauchtes geworden ist. Man kriegt dort Postkarten nach Motiven sortiert, Massen von Urlaubslektüre, Reiseführer und Kinderbücher. Es ist ein  bißchen so wie beim Medimops, mit dem Unterschied, daß man die gebrauchten Sachen hier in die Hand nehmen kann. Weil es regnete, waren wir fast eine Stunde drin und fanden auch etwas. Nachdem der Regen etwas nachgelassen hatte, gingen wir noch die Schleife um die Friedensstraße zur Promenade, sahen wieder alte Villen der Kaiserzeit und Läden mit den typischen Touri-Angeboten. Dann waren wir durch.

Kulturell gibt man sich Mühe, aber im Herbst ist die Insel zu achtzig Prozent tot und wer mit sich nichts anfangen kann, sollte in der kalten Jahreszeit nicht hierhin fahren - vor allem nicht mit kleinen Kindern. Man kann in Heringsdorf schöne Villen begucken, dreimal auf die Seebrücke gehen, ein paarmal am Strand laufen und dann ist man durch. Wenn man von Berlin oder Brandenburg kommt, ist Heringsdorf o.k.. Für den Rest der Republik gilt: Schleswig Holstein und die Küste bis zum Darß haben auch schöne Strände, sind billiger und liegen nicht am Arsch der Welt.

Früher Villa, heute Hotel - billig war Heringsdorf nie
Früher Villa, heute Hotel - billig war Heringsdorf nie

Links zu Heringsdorf
https://de.wikipedia.org/wiki/Heringsdorf
http://www.haus-odin.com/drei-kaiserbaeder/bankiers-in-heringsdorf/index.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Gothen
http://www.kaiserbaeder-auf-usedom.de/



Bansin - nach oben
Nachdem wir Heringsdorf kennengelernt haben, laufen wir über die Promenade nach Bansin (von Heringsdorf das Meer rechts liegen lassen),  denn dieser Ort soll nicht so kommerzialisiert sein wie Heringsdorf. Der Weg ist eines der Highlights, denn es geht manchmal an alten Häusern vorbei, die noch nicht in Fewos umgebaut wurden und da leben ganz normale Menschen. Die Dünen sind schön und wenn man an der Seebrücke bei den alten Badekarren angelangt ist, weiß man, daß man alles Wichtige gesehen hat. Es ist auf jeden Fall verschlafener, es gibt Leerstände und außerhalb der Seebrücke tut sich nicht viel.

Wo man auch immer seine Ferienwohnung hat - der Strand ist zwischen Peenemünde im Norden bis ins polnische Swinemünde im Süden immer der gleiche: etwa 30 Meter breit und vierzig Kilometer lang schnurgerade. Abseits der Promenade - entlang der B111 liegen die üblichen Supermärkte, Tankstellen, Autohändler und ab und zu ein Kinderbespaßungs-Highlight.

Bansin wird ziemlich zugebaut Die Badekarren stehen zur Dekoration da
Bansin wird ziemlich zugebaut - hier, an die Seebrücke -
kommt noch ein Hotel hin.

Die Badekarren stehen zur Dekoration da - vielleicht kann man sie sogar mieten, wenn man es stilecht haben will.

Links zu Bansin
http://www.bansin.m-vp.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Bansin
http://www.insel-usedom.net/bansin.htm
https://www.youtube.com/watch?v=pU0q0YxLIuk (Video von 1970)




Ahlbeck - nach oben
Dieser Ort liegt zwischen Heringsdorf und Swinemünde und ist - je nach Konstitution - bequem in einer guten halben Stunde über die Promenade zu erlaufen (von Heringsdorf aus das Meer links liegen lassen). Ahlbeck ist nicht so schick wie Heringsdorf, hat aber irgendwie mehr Charme, weil es alles eine Nummer kleiner und bodenständiger ist. Es gibt noch Fischverkäufer, die ihren Verkauf vom örtlichen Fischer beziehen, auch wenn man die am Ahlbecker Strand ihren Kutter nicht auf den Sand ziehen lassen können (wie es in Nörre Voropør in Dänemark geschieht), aber es ist hier von allen drei Kaiserbädern am sympathischsten und wenn ich nochmal nach Usedom komme, leiste ich mir in einer alten Villa ein Appartement mit Meerblick hier...


Seebrücke in Ahlbeck
Das Zentrum von Ahlbeck
Die Seebrücke ist erheblich bescheidener als in Heringsdorf, sie gammelt leicht vor sich hin und ist - wie ich - in die Jahre gekommen.

Das Zentrum von Ahlbeck ist auch nicht ganz so flammneu, aber es wirkt ähnlich wie die Seebrücke und es ist nicht so protzig wie anderswo



Links zu Ahlbeck
http://www.ahlbeck.m-vp.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Ahlbeck_(Heringsdorf)
http://www.insel-usedom.net/ahlbeck.htm


Wolgast früher  - Wolgast heutenach oben
Wolgast hat eine große Vergangenheit: Das alte Pommern (von slawisch „po morje“ = am Meer) reichte ursprünglich vom Darß bis nach Danzig und wurde von Stettin aus von den „Greifen“ in Analogie zu den „Welfen“ oder den „Staufern“ regiert. 1295 wurde das Gebiet in die Linie Stettin und Wolgast geteilt und der westliche Teil - vom Darß bis weit hinter die Oder - wurde von Wolgast aus regiert. 1326 kam Altenkirchen/Rügen zu Wolgast und gehörte dort bis zum schwedischen Einmarsch 1630 nach Usedom.

West-Pommern unter dern Wolgaster Greifen
West-Pommern unter dern Wolgaster Greifen - oben links Rügen (grün), rechts die heute polnische Küste.

Der Greifenherzog Wartislaw IX. gründete 1456 auf Anregung des Greifswalder Bürgermeisters und späteren ersten Rektors, Heinrich Rubenow, nach Genehmigung durch Kaiser Friedrich III. und Papst Kalixt III. die Universität Greifswald (Academia Gryphica, nach dem Namen der Herrscherfamilie)  - eine der ältesten Universitäten Europas. Ab sofort ließen alle Greifen-Herzöge ihre männlichen Nachkommen dort ausbilden. Aufgrund der sorgfältigen Erziehung waren die meisten Herrscher der Greifen der aufklärerischen Denkweise zugetan und Luthers Thesenanschlag wurde 1517 in Pommern aufmerksam registriert. Man sorgte für einen gewissen Bildungsstandard, denn die Machtverhältnisse in Pommern waren seit dem Mittelalter immer undurchschaubar und das Ergebnis ständiger Kompromisse zwischen den pommerschen Herzögen, der polnischen Krone, der Hansestadt Stralsund, dem Königreich Dänemark und dem Kurfürsten von Brandenburg. Alle wollten in diesem Gebiet mitreden, das verkehrs- und handelsmäßig ungemein wertvoll war. Im Einzelnen sind folgende Personen wichtig:

Bogislaw X. (1454-1523) war der erste Herrscher, der alle pommerschen Gebiete seit dem Mittelalter von Stettin aus regieren konnte und er war  etwa fünfzig Jahre Alleinherrscher in Pommern. Durch seine Ehe mit der fünf Jahre älteren Margarethe von Brandenburg (1477), einer Tochter des Kurfürsten Friedrichs II.(1413–1471) , wurde der Konflikt um den Herrschaftsbereich Brandenburg zwar entschärft, denn die Brandenburger ließ die Greifen solange regieren, wie sie Thronfolger vorweisen konnten. Sollte die Linie allerdings aussterben, würde Pommern wieder an Brandenburg fallen.

Dummerweise blieb Bogislaws Ehe mit Margarethe kinderlos und so blieb Bogislaw nur die Hoffnung auf eine zweite Ehe. Er verstieß Margarethe und zog sich damit den Zorn der Brandenburger zu, doch glücklicherweise starb sie kurz darauf und Bogislaw war aus dem Schneider. Nach ihrem Tod 1489 heiratete er 1491 die polnische Königstochter Anna (1476-1503) von Polen und hatte von polnischer Seite nichts mehr zu befürchten. Anna war 22 Jahre jünger, sah mit ihren sechzehn Jahren hinreißend aus, gebar ihm acht Kinder und starb danach. Bogislaw und Anna scheinen sich aber wirklich geliebt zu haben, wie einige erhaltene Briefe bezeugen.

Als Bogislaw 1523 starb, wurde sein Sohn Georg (1493-1531) Herzog und mußte sich in der Frage der Reformation entscheiden, doch er neigte zum Katholizismus. Das war zwar gut für Polen, aber fast ein Kriegsgrund für Brandenburg, den Georg nur schwer entschärfen konnte. Eine Lösung zeichnete sich ab, als zwei Jahre später, 1525, seine erste Frau, Amalia von der Pfalz starb. Um Brandenburg an sich zu binden, heiratete Georg 1530 Margaretha von Brandenburg, die Tochter des Kurfürsten Joachim I. Sie brachte Gebiete des Darß mit in die Ehe, heiratete später auch ein zweites Mal und Martin Luther selbst soll sich in die Auflösung dieser zweiten Ehe eingemischt haben. 1531 starb Georg, ohne eine Entscheidung in der Reformation getroffen zu haben: Pommern wollte protestantisch werden, Polen unter allen Umständen katholisch bleiben.

1531 rückte Georgs acht Jahre jungerer Bruder Barnim IX. (1501-1573) zusammen mit seinem Sohn Philipp I. (1515-1560) nach. Barnim hatte in Wittenberg studiert, Philipp war nach dem Tod seiner Mutter Amalia am Hofe seines Onkels Ludwig V. von der Pfalz erzogen worden. Onkel und Neffe teilten sich nun ab 1532 den Herrschaftsbereich. Dies sollte eigentlich nur bis 1541 dauern, wurde aber dann Dauerzustand. Barnim bekam Pommern-Stettin (Hinterpommern), Philipp I. wurde mit sechzehn Jahren Herrscher in Pommern-Wolgast (Vorpommern). Das Bistum Cammin wurde von beiden gemeinsam verwaltet.

Onkel und Neffe waren der Reformation sehr zugewandt und beriefen 1534 den Landtag nach Treptow an der Rega ein um über die Einführung des protestantischen Glaubens zu beraten. Der Adel und das Bistum Cammin sprachen sich zwar dagegen aus, doch Luthers Mitstreiter Johannes Bugenhagen wurde beauftragt, eine protestantische Landesordnung zu erarbeiten. Bugenhagen besuchte ab 1535 regelmäßig die Gemeinden und nachdem der Bischof von Cammin gestorben war, wurde die Reformation durchgesetzt

Daraufhin wurde  Wolgast zu einem aufklärerischen Zentrum der Renaissance. Die Druckerei in Barth auf dem Darß druckte evangelische Traktate, Lukas Cranach malte die Herzöge und viele Luther-Bilder für die regionalen Kirchen und die wirtschaftliche Situation Westpommerns florierte. Die Petri-Kirche in Wolgast wurde dabei die Grabeskirche der Greif'schen Herzöge und das „Greifengrab“ ist die einzige pommersche Grabstätte, die bis heute unzerstört fast 500 Jahre überdauert hat.

Die Gräber der Greif'schen Herzöge in der Greifenkapelle der Wolgaster St.Petri-Kirche
Die Gräber der Greif'schen Herzöge in der Greifenkapelle der Wolgaster St.Petri-Kirche. Von vorne nach hinten:
Philipp I. († 1560) - Maria († 1583), Ehefrau von Philipp I. - Ernst Ludwig († 1592)  -  Philipp Julius († 1625)

Das alles dauerte, bis der letzte Greifenherzog Philip Julius 1625 starb, es keinen Nachfolger gab und Pommern solange ohne Regierung war, bis Gustav Adolf von Schweden 1630 in Usedom landete. Er wurde durch den Einmarsch Herzog in Pommern und von da an gehörte Pommern zu Schweden. 1815 kam es durch den Wiener Kongreß nach den Napoleonischen Kriegen wieder nach Preußen, hat bis heute aber einen deutschen und polnischen Teil. 


Literatur 
Dirk Schleiner: Pommerns Herzöge. Die Greifen im Portrait.
Hinstorff-Verlag, Rostock 2012, ISBN 978-3-356-01497-2

Links zu den Herzögen (alle vom 16. April 2017)  
Herzogtum_Pommern
Bogislaw X. (1454-1523),
Georg I. (1493-1531)
Barnim IX. (1501-1573)
Philipp I. (151-1560)


Wolgast heute Wolgast früher  -   nach oben
Um nach Wolgast zu kommen, muß man im Prinzip die Insel wieder zurückfahren, über das blaue Wunder (die Brücke) und durch die enge Altstadt und die Kirche. Parkplätze gibt es reichlich und sie kosten auch nichts. Beim Gang durch die Altstadt wird auch klar, warum: irgendwie hat Wolgast in der Altstadt noch nicht die Kurve gekriegt. Es gibt viel Leerstand bei Läden und Wohnhäusern, bei etlichen  Häusern droht der Verfall, weil sie schon seit langem leer stehen und die paar Läden, die es gibt, werden nicht groß frequentiert, weil einfach zu wenig Menschen in der Stadt sind. Das mag im Sommer anders sein, aber jetzt ist hier tote Hose. Dabei hat die Stadt Charme, aber man sollte das Pommersche Erbe besser pflegen. Man könnte auch mehr auf Philipp Otto Runge setzen, den romantischen Maler, der hier immerhin geboren ist. Von alleine wird nicht viel passieren, aber wenn man in die Innenstädte keine Kultur hineinbringt, stirbt das Leben hier weiter.

Die Realschule am Kirchplatz ist schon seit langem geschlossen und gammelt vor sich hin, doch seit Oktober 2016 gibt es eine Initiative zur Gründung einer neuen evangelischen Schule. In der Kirche wird renoviert und dort ist eine Ausstellung, aus der man erkennen kann, daß viele Menschen sich für Stadt und Kirche engagiert haben. Hierhin müssten mehr Mittel aus dem Soli-Zuschlag fließen, denn hier werden sie gebraucht. Vielleicht wohnen dann hier irgendwann wieder mehr Menschen.

Die Burgstraße in Wolgast - links der Wallensteinkeller
Ein Teil der Wolgaster Innenstadt - die Burgstraße

Links zu Wolgast / Pommern
https://de.wikipedia.org/wiki/Peenebr%C3%BCcke_Wolgast
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fe/Pomeraniae_Ducatus_Tabula.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Moritz-Arndt-Universit%C3%A4t_Greifswald
http://www.kirche-mv.de/Geschichte.394.0.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Greifen



Peenemünde - nach oben
Den Namen hörte ich das erste Mal, als ich elf war. Im Sommer war der erste Mensch auf dem Mond gelandet und ich bekam ein Buch über „Das Abenteuer der Mondlandung“ geschenkt, in dem es ein Kapitel über Werner von Braun gab. Der hatte sozusagen den Vorläufer der Saturn V- Rakete mit entwickelt, war nach dem Krieg in die USA ausgewandert und hatte dort Arbeit bei der NASA gefunden. Mittlerweile war er dort sowas wie ein Abteilungsleiter und mehr verstand ich ja auch nicht - ich wußte nur, daß also ein Deutscher an der Mondlandung beteiligt war. Später, in der Oberstufe, sprachen wir über Hitler und mein Vater, Ingenieur und bis an sein Lebensende überzeugter Nazi, lobte Werner von Braun und seine Arbeit in Peenemünde in den höchsten Tönen (was ihn  mir schon wieder suspekt machte). Später fand ich heraus, daß von Braun, wie mein Vater, an der TU Aachen studiert hatte und sowas verbindet offenbar ein Leben lang. Ich habe dann irgendwann, nach dem Studium,  in der ARD eine Doku über Peenemünde gesehen und da fiel immerhin das Wort „Zwangsarbeit“ und daß die Arbeiter aus dem KZ Ravensbrück stammten, wurde immerhin auch gesagt. Mit diesem Wissenstand wußte ich, daß ich mir das selbst mal angucken wollte.

Nun ist das „Historisch-Technische Museum“ ab Peenemünde gut ausgeschildert und man kann es nicht verfehlen. Seit 2014 ist alles gut beschildert (deutsch/polnisch/englisch) und wenn man auf das Gelände kommt, sieht man zuerst eine Rakete, einen Zug und große Gebäude und ist etwas enttäuscht, doch das ändert sich.

Erster Eindruck im Peenemünder Museum
Erster Eindruck im Peenemünder Museum - große Wiese mit wenig drauf...

Man geht natürlich zur Rakete erfährt etwas über die Daten und wundert sich über eine Flughöhe von über 80 Kilometer Höhe (Weltraumhöhe) im Jahr 1942. Man kommt an der Abschußeinrichtung der V1 vorbei, erfährt bei der Eisenbahn, daß in Peenemünde das dritte S-Bahn-System Deutschlands nach Berlin und Hamburg eingeführt wurde, liest etwas von einem Großkraftwerk, das den S-Bahn-Verkehr und die Forschungs- und Produktionshallen in Peenemünde mit Strom und Heizung versorgt hat und auf einmal wird klar, daß hier Zigtausende gearbeitet und gelebt haben und nicht nur ein paar bekloppte Forscher und Obernazis. Die Fahrpläne von 1942 haben den gleichen Aufbau wie die Pläne des ÖPNV, die Anweisungen der NS-Ministerien haben den gleichen Schreibstil wie die heutigen Bescheide des Finanzamtes oder des Jobcenters und stände da nicht das Datum 1942 und das Hakenkreuz-Logo, wüßte man nicht sofort, dass es keine aktuellen Schreiben sind, sondern Geschichte - lange, lange her. Eben nicht!


An einem Beispiel kann man es beschreiben: Der gelb-rote Zug oben hat das Zeichen DB der Deutschen (Bundes)Bahn und wurde bis in die 1970er Jahre u.a. auf der Strecke Köln-Neuwied eingesetzt und ich bin mit ihm noch ab und zu gefahren. Man ließ nach dem Krieg ja nichts verkommen und ob hier nun Zwangsarbeiter, Strafgefangene, normale Arbeiter oder später normale Reisende transportiert wurden, war der Bahn ja wurscht. Die Hinweise, auf Frontsoldaten konnte man ja überkleben.

Diese Bahn verkehrte jedenfalls mit vierzehn anderen Zügen regelmäßig auf Usedom, diente als Werkbahn und brachte Tausende von Arbeitern und Zwangsarbeitern in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Etwa 8.000 zivile Arbeiter starben bei Bau und Angriffen, 4.500 Zwangsarbeiter sind nachgewiesen, etwa 28.000 Häftlinge kamen beim Bau ums Leben, vermutlich waren es mehr. In Spitzenzeiten arbeiteten Zigtausende auf dem Gelände. Die Bauleitung hatte ein gewisser Heinrich Lübke, der es dem Ende des Krieges nicht weiter behelligt wurde und es noch bis zum Bundespräsidenten brachte.

Das Kraftwerk versorgte das Peenemünder S-Bahn-Netz und die gesamte Anlage mit Strom und Wärme.
Das Kraftwerk versorgte das Peenemünder S-Bahn-Netz und die gesamte Anlage mit Strom und Wärme -
links das Kohleförderband vom Hafen, rechts das Kraftwerk.

Nachdem die ca. 150 Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler festgestellt hatten, daß eine Rakete mit Flüssigtreibstoff weiter und höher fliegen konnte und damit unangreifbar wurde, wurde eine Version des  „Aggregat 4“ (V2) produziert, die weltraumtauglich war und bis Sommer 1943 zur Serienreife entwickelt. In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 flogen 600 Bomber einen Großangriff auf die Heeresversuchsanstalt mit dem Ziel, die Anlagen zu vernichten und die Köpfe der Entwicklung zu töten (Werner von Braun, Walther Thiel und Erich Walther). Die Bombardierung richtete nur bedingt Schaden ein, denn weil die Vorhut das Zielgebiet falsch markierte, landete der größte Teil der Bomben im Strandgebiet um den Peenemünder Haken und da liegt es größtenteils heute noch. Werner von Braun überlebte, die Pläne der V2 waren längst ausgelagert und diese Rakete wurde nun woanders produziert. Man hatte noch Zeit 3.200 Raketen gegen englische Ziele zu starten, die für 5.000 Todesopfer sorgten. Die Herstellung dieser Waffe forderte dagegen mehr als 40.000 Opfer - militärisch gesehen auch deshalb ein Irrsinn.

Nach Kriegsende teilten sich die USA, die UdSSR und Frankreich die Raketentechniker auf. Werner von Braun bekam von den USA eine weiß gewaschene Biographie, damit er in Huntsville für die NASA künftige Raketen entwickeln konnte und die UdSSR und Frankreich taten Ähnliches. Die Weiterentwicklungen der beiden Großmächte auf der Grundlage der von Thiel und von Braun entwickelten Konzepte führten letztendlich nicht nur zu den Sojus und Saturn-Raketen, sondern in letzter Konsequenz auch zu den russischen SS20 und SS25-Typen und zu Pershing- und Stinger-Modellen, die ohne die Vorarbeit der Nazis nicht denkbar wären.

Die DDR setzte das Kraftwerk wieder in Gang, machte aus dem Peenemünder Gelände einen Truppenübungsplatz und veranstaltete bis zur Wiedervereinigung Zielschießen auf die deutschen Schiffswracks im Peenemünder Haken. Bis heute gilt das Abwurfgebiet als extrem munitionsverseucht, ist immer noch nicht sauber geräumt und für den Schiffsverkehr Sperrgebiet. Immer mal wieder werden Phosphorstücke aus alten Bomben und Granaten angespült und von Bernsteinsammlern für Bernstein gehalten und aufgesammelt. Trocknet der Phosphor, entzündet er sich - meisten in den Hosentaschen der Sammler - und sorgt für erheblich Verbrennungen (Ostsee-Zeitung v. 18. 10.2916, S.9). 

Das alte Flughafengelände ist ebenfalls größtenteils Sperrgebiet, doch Teile davon werden für Rundflüge genutzt, ein Motorsportclub hat dort sein Domizil und entlang eines alten Hafenabschnittes entsteht ein Yachthafen mit Ferienwohnungen. Über manche Sachen wächst Gras, über andere nicht...

Reste der S-Bahn-Verbindung nach Peenemünde - im Lauf der Zeit von Birken überwuchert.
Reste der S-Bahn-Verbindung nach Peenemünde - im Lauf der Zeit von Birken überwuchert.

 
Links zu Peenemünde
https://de.wikipedia.org/wiki/Peenem%C3%BCnde
http://www.peenemuende.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Peenem%C3%BCnder_Schnellbahnz%C3%BCge
https://de.wikipedia.org/wiki/Heeresversuchsanstalt_Peenem%C3%BCnde
http://www.ostsee.de/insel-usedom/historisch-technisches-museum.html
fast sechsmal mehr Opfer
http://www.ndr.de/kultur/geschichte/schauplaetze/Bomben-auf-Hitlers-Raketenschmiede,operationhydra101.html



Stadt Usedom - nach oben
Am letzten Tag soll es den ganzen Tag regnerisch bleiben und das ist ein Grund, die Insel mit dem Auto zu erkunden. Wir sind fast immer am Ostseestrand gewesen und nun geht es ins Landesinnere. Die frühere Hauptstadt heißt wie die Insel und wenn man die alten Darstellungen sieht, war sie wohl keine arme Stadt. Mal sehen, was davon übrige geblieben ist. Auf der Darstellung der Stralsunder Handschrift und der Zeichnung von Matthäus Merian sieht man eine reiche Stadt mit befestigter Stadtmauer.

Hier die Darstellung aus der Stralsunder Bilderhandschrift von 1615
Hier die Darstellung aus der Stralsunder Bilderhandschrift von 1615 - Darstellung der Merian-Karte von 1622

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus, denn die Stadt Usedom ist mit Heringsdorf überhaupt nicht mehr vergleichbar. Es sieht noch schlimmer aus als in Wolgast, es gibt noch mehr Leerstand und Verfall und die Jungen sind im Straßenbild fast nicht mehr zu sehen. Die Bäckerei hat offen, die Kirche hat noch die alten Kohleöfen (einen am Altar, einen am Ausgang), der Metzger hat zugemacht, das Hotel am Markt hat zugemacht, vor der Kirche verkauft ein ärmlicher Mann die Sachen, die man zwischen der polnischen Grenze und Swinemünde auf dem „Polenmarkt“ kaufen kann (dunkelblaue Daunenjacken, Zigaretten und Alkohol) und am Markt haben die geschlossenen Läden leider die Mehrheit. Man sieht förmlich die Verzweiflung derer, die ohne Perspektive bleiben müssen und daß der Laden an der Swinemünder Straße in einem heruntergekommenen Laden Ostalgiedevotionalien anbietet, ist wahrscheinlich eher Galgenhumor.

keine Ostalgie, eher Hoffnungslosigkeit
Keine Ostalgie - eher Armut.

Das einzig Tröstliche ist ein relativ neu eröffnetes Geschäft, die „Spinndoenz“. Eine kurze Recherche ergibt, daß sich dieser Laden auf Tradition besonnen hat,  Handgesponnenes verkauft und sich als eine Kombination aus Naturwarenladen und Werkstatt versteht. Davon braucht dieser Ort sicher mehr, denn warum soll ich als Tourist etwas kaufen, was jeder Souvenirladen in gleicher Form verkauft und was irgendwo zwischen China und Vietnam hergestellt wurde. Dann lieber was Echtes.

De Spenndoenz - ein hoffnungsvoller Laden

Trotzdem ist in Usedom Stadt noch viel zu tun. Fahren Sie hin, lassen Sie Geld da und übernachten Sie nicht in Heringsdorf, sondern im Landesinnern. Fahren müssen Sie sowieso.

Links zur Stadt Usedom
https://de.wikipedia.org/wiki/Usedom_(Stadt)
http://www.usedom.de/orte/staedte/stadt-usedom.html
http://www.stadt-usedom-cam.de/
http://www.spinndoenz.de/assets/s2dmain.html?http://www.spinndoenz.de/

 
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