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Wolgast
Text und Fotos: © Martin Schlu 2008-2016 , 11. August 2019

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Wolgast hat eine große Vergangenheit: Das alte Pommern (von slawisch „po morje“ = am Meer) reichte ursprünglich vom Darß bis nach Danzig und wurde von Stettin aus von den „Greifen“ in Analogie zu den „Welfen“ oder den „Staufern“ regiert. 1295 wurde das Gebiet in die Linie Stettin und Wolgast geteilt und der westliche Teil - vom Darß bis weit hinter die Oder - wurde von Wolgast aus regiert. 1326 kam Altenkirchen/Rügen zu Wolgast und gehörte dort bis zum schwedischen Einmarsch 1630 nach Usedom.

West-Pommern unter dern Wolgaster Greifen - oben links Rügen (grün), rechts die heute polnische Küste.
West-Pommern unter dern Wolgaster Greifen - oben links Rügen (grün), rechts die heute polnische Küste.

Der Greifenherzog Wartislaw IX. gründete 1456 auf Anregung des Greifswalder Bürgermeisters und späteren ersten Rektors, Heinrich Rubenow, nach Genehmigung durch Kaiser Friedrich III. und Papst Kalixt III. die Universität Greifswald (Academia Gryphica, nach dem Namen der Herrscherfamilie)  - eine der ältesten Universitäten Europas. Ab sofort ließen alle Greifen-Herzöge ihre männlichen Nachkommen dort ausbilden. Aufgrund der sorgfältigen Erziehung waren die meisten Herrscher der Greifen der aufklärerischen Denkweise zugetan und Luthers Thesenanschlag wurde 1517 in Pommern aufmerksam registriert. Man sorgte für einen gewissen Bildungsstandard, denn die Machtverhältnisse in Pommern waren seit dem Mittelalter immer undurchschaubar und das Ergebnis ständiger Kompromisse zwischen den pommerschen Herzögen, der polnischen Krone, der Hansestadt Stralsund, dem Königreich Dänemark und dem Kurfürsten von Brandenburg. Alle wollten in diesem Gebiet mitreden, das verkehrs- und handelsmäßig ungemein wertvoll war. Im Einzelnen sind folgende Personen wichtig:

Bogislaw X. (1454-1523) war der erste Herrscher, der alle pommerschen Gebiete seit dem Mittelalter von Stettin aus regieren konnte und er war  etwa fünfzig Jahre Alleinherrscher in Pommern. Durch seine Ehe mit der fünf Jahre älteren Margarethe von Brandenburg (1477), einer Tochter des Kurfürsten Friedrichs II.(1413–1471) , wurde der Konflikt um den Herrschaftsbereich Brandenburg zwar entschärft, denn die Brandenburger ließ die Greifen solange regieren, wie sie Thronfolger vorweisen konnten. Sollte die Linie allerdings aussterben, würde Pommern wieder an Brandenburg fallen.

Bogeslaw mit seinen zwei Frauen: Margarete v. Brandenburg und Anna von Poelen
Bogeslaw mit seinen zwei Frauen: Margarete v. Brandenburg und Anna von Poelen (1476-1503) Quelle

Dummerweise blieb
Bogislaws Ehe mit Margarethe kinderlos und so blieb Bogislaw nur die Hoffnung auf eine zweite Ehe. Er verstieß Margarethe und zog sich damit den Zorn der Brandenburger zu, doch glücklicherweise starb sie kurz darauf und Bogislaw war aus dem Schneider. Nach ihrem Tod 1489 heiratete er 1491 die polnische Königstochter Anna (1476-1503) von Polen und hatte von polnischer Seite nichts mehr zu befürchten. Anna war 22 Jahre jünger, sah mit ihren sechzehn Jahren hinreißend aus, war gebildeter als er,  gebar ihm acht Kinder und starb danach. Bogislaw und Anna scheinen sich aber wirklich geliebt zu haben, wie einige erhaltene Briefe bezeugen. Sie wurde im damaligen Kloster Eldena bei Greifswald begraben, wie eine Steintafel an der Klosterruine beschreibt:

Epitaph der Pommerschen Herzöge und ihrer Gemahlinnen an der Klosterruine Eldena
Epitaph der Pommerschen Herzöge und ihrer Gemahlinnen an der Klosterruine Eldena

Als Bogislaw 1523 starb, wurde sein Sohn Georg (1493-1531) Herzog und mußte sich in der Frage der Reformation entscheiden, doch er neigte zum Katholizismus. Das war zwar gut für Polen, aber fast ein Kriegsgrund für Brandenburg, den Georg nur schwer entschärfen konnte. Eine Lösung zeichnete sich ab, als zwei Jahre später, 1525, seine erste Frau, Amalia von der Pfalz starb. Um Brandenburg an sich zu binden, heiratete Georg 1530 Margaretha von Brandenburg, die Tochter des Kurfürsten Joachim I. Sie brachte Gebiete des Darß mit in die Ehe, heiratete später auch ein zweites Mal und Martin Luther selbst soll sich in die Auflösung dieser zweiten Ehe eingemischt haben. 1531 starb Georg, ohne eine Entscheidung in der Reformation getroffen zu haben: Pommern wollte protestantisch werden, Polen unter allen Umständen katholisch bleiben.

1531 rückte Georgs acht Jahre jungerer Bruder Barnim IX. (1501-1573) zusammen mit seinem Sohn Philipp I. (1515-1560) nach. Barnim hatte in Wittenberg studiert, Philipp war nach dem Tod seiner Mutter Amalia am Hofe seines Onkels Ludwig V. von der Pfalz erzogen worden. Onkel und Neffe teilten sich nun ab 1532 den Herrschaftsbereich. Dies sollte eigentlich nur bis 1541 dauern, wurde aber dann Dauerzustand. Barnim bekam Pommern-Stettin (Hinterpommern), Philipp I. wurde mit sechzehn Jahren Herrscher in Pommern-Wolgast (Vorpommern). Das Bistum Cammin wurde von beiden gemeinsam verwaltet.

Onkel und Neffe waren der Reformation sehr zugewandt und beriefen 1534 den Landtag nach Treptow an der Rega ein um über die Einführung des protestantischen Glaubens zu beraten. Der Adel und das Bistum Cammin sprachen sich zwar dagegen aus, doch Luthers Mitstreiter Johannes Bugenhagen wurde beauftragt, eine protestantische Landesordnung zu erarbeiten. Bugenhagen besuchte ab 1535 regelmäßig die Gemeinden und nachdem der Bischof von Cammin gestorben war, wurde die Reformation durchgesetzt

Daraufhin wurde  Wolgast zu einem aufklärerischen Zentrum der Renaissance. Die Druckerei in Barth auf dem Darß druckte evangelische Traktate, Lukas Cranach malte die Herzöge und viele Luther-Bilder für die regionalen Kirchen und die wirtschaftliche Situation Westpommerns florierte. Die Petri-Kirche in Wolgast wurde dabei die Grabeskirche der Greif'schen Herzöge und das „Greifengrab“ ist die einzige pommersche Grabstätte, die bis heute unzerstört fast 500 Jahre überdauert hat.

Die Gräber der Greif'schen Herzöge in der Greifenkapelle der Wolgaster St.Petri-Kirche
Die Gräber der Greif'schen Herzöge in der Greifenkapelle der Wolgaster St.Petri-Kirche. Von vorne nach hinten:
Philipp I. († 1560) - Maria († 1583), Ehefrau von Philipp I. - Ernst Ludwig († 1592)  -  Philipp Julius († 1625)

Das alles dauerte, bis der letzte Greifenherzog Philip Julius 1625 starb, es keinen Nachfolger gab und Pommern solange ohne Regierung war, bis Gustav Adolf von Schweden 1630 in Usedom landete. Er wurde durch den Einmarsch Herzog in Pommern und von da an gehörte Pommern zu Schweden. 1815 kam es durch den Wiener Kongreß nach den Napoleonischen Kriegen wieder nach Preußen, hat bis heute aber einen deutschen und polnischen Teil. 


Literatur 
Dirk Schleiner: Pommerns Herzöge. Die Greifen im Portrait.
Hinstorff-Verlag, Rostock 2012, ISBN 978-3-356-01497-2

Links zu den Herzögen (alle vom 16. April 2017)  
Herzogtum_Pommern
Bogislaw X. (1454-1523),
Georg I. (1493-1531)
Barnim IX. (1501-1573)
Philipp I. (151-1560)

Wolgast heute Wolgast früher  -   nach oben
Um nach Wolgast zu kommen, fährt man von Usedom im Prinzip die Insel wieder zurück, über das blaue Wunder (die Brücke) und durch die enge Altstadt und die Kirche. Von Greifswald aus bleibt man auf der B 105 und kommt an der alten Kirche heraus. Parkplätze gibt es reichlich und sie kosten auch nichts. Beim Gang durch die Altstadt 2016 war auch klar, warum: irgendwie hatte Wolgast in der Altstadt noch nicht die Kurve gekriegt. Es gab zuviel Leerstand bei Läden und Wohnhäusern, bei etlichen  Häusern drohte der Verfall, weil sie schon seit langem leer standen und die paar Läden, die es gab, wurden nicht groß frequentiert, weil einfach zu wenig Menschen in der Stadt waren. Im Herbst 2016 war hier tote Hose. Dabei hat die Stadt Charme, aber man sollte das Pommersche Erbe besser pflegen. Man hätte auch mehr auf Philipp Otto Runge setzen können, den romantischen Maler, der hier immerhin geboren ist.

Im Sommer 2019 bei meinem zweiten Besuch hatte sich etwas getan. Nun ist das Runge-Geburtshaus zu besichtigen und die Kuratorin erzählte mir von den Anstrengungen, die Wolgast macht um interessanter zu werden. Man findet das Haus an der Peene, gegenüber dem „blauen Wunder“ (der Peenebrücke) und ein Besuch lohnt sich, weil man begreift, wie die Pommerschen Maler Philipp Ptto Runge und Caspar David Friedrich sich gegenseitig beeinflußten und voneinander lernten.

Das Philipp-Otto Runge-Haus in Wolgast
Das Philipp-Otto Runge-Haus in Wolgast, Kronwiekstraße 45, 17438 Wolgast

„Friedrich aus Greifswald, ein junger Landschaftsmahler, ist auch hier angekmmen, mit einem jungen v. Klinkowström desgleichen; kurz die Künstler wandern recht aus von Pommern her, unser sind nun schon fünf hier“ (Brief POR an seine  Bruder Daniel v. 27. Juli 1802)
Gemeint ist Friedrich August von Klinkowström, geboren auf der Ludwigsburg in Loissin, auf der anderen Seite der Wieck, studierte ebenfalls in Greifswald und wurde später Maler, noch später Offizier, ging nach Wien und hatte dort als Pädagoge Kontakt zu Fürst Metternich und Beethoven.

Noch steht die alte Realschule am Kirchplatz leer.

Die Realschule am Kirchplatz ist schon seit langem geschlossen und gammelt vor sich hin. Eine
Initiative zur Gründung einer neuen evangelischen Schule im Oktober 2016 hat immerhin im August 2018 die Neugründung einer evangelische Grundschule ergeben,die ihren endgültigen Platz im Schulhaus am Kirchplatz finden soll, das zunächst saniert wird. Bisher hat sich äußerlich aber noch nichts getan.
Pressebericht



 In der Kirche wird renoviert und dort ist eine Ausstellung, aus der man erkennen kann, daß viele Menschen sich für Stadt und Kirche engagiert haben. Hierhin müssten mehr Mittel aus dem Soli-Zuschlag fließen, denn hier werden sie gebraucht. Vielleicht wohnen dann hier irgendwann wieder mehr Menschen.

Die Burgstraße in Wolgast - links der Wallensteinkeller
Ein Teil der Wolgaster Innenstadt - die Burgstraße

Links zu Wolgast / Pommern
https://de.wikipedia.org/wiki/Peenebr%C3%BCcke_Wolgast
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fe/Pomeraniae_Ducatus_Tabula.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Moritz-Arndt-Universit%C3%A4t_Greifswald
http://www.kirche-mv.de/Geschichte.394.0.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Greifen



Links
https://de.wikipedia.org/wiki/Greifswald

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