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Reiseberichte - Italien - Venedig


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Venedig für Anfänger
Venedig im Sommer
Venedig im Winter

 

Venedig im Winter
Text und Fotos: © Martin Schlu 2010/11

 
Venedig im Sommer  -  Venedig für Anfänger
Nach etlichen Italien und Venedig-Aufenthalten sollte es mal ein Aufenthalt sein, bei dem die Mehrheit der Mitmenschen keine Touristen sind, sondern italienisch sprechen und so wurde schon vor Monaten festgelegt, daß die Tage um Silvester in Venedig verbracht würden. Lucia, bei der wir schon seit Jahren unsere Bleibe in der Serenissima organisieren, hatte auch wieder unsere Stammwohnung frei und der Flug war auch schnell gebucht. Normalerweise ist Fliegen im Winter ja kein Problem...

Unsere Wohung in Dorsoduro, der Balkon dient ganz prima als Kühlschrschrank
Als ob sie es geahnt hätte, wurde der Abflug von der Air Berlin allerdings schon im Oktober einen Tag später gelegt, außerdem sollte es nun nicht nicht mehr von Köln/Bonn sondern von Düsseldorf losgehen, und weil die Wohnung ja schon gebucht war, hieß das  einen Tag weniger zum gleichen Preis. Das Schneechaos, das sich seit dem 4. Advent abzeichnete, ließ uns zwar bis Weihnachten immer überlegen, ob wir nicht doch mit dem Auto fahren sollten, jedoch sind Parkpreise von bis zu 30.- am Tag einfach astronomisch (das neue Parkhaus "Tronchetto" kostet "nur" 24.-/Tag, ist allerdings unbewacht). Hinzu kommen die Spritkosten und die Maut für die Schweiz, wenn man nicht Lust hat, im Raume München zu übernachten, denn da wird ja seit dreißig Jahren das Verkehrstempo davon bestimmt , wie schnell die Ersten in Salzburg ihren Parkplatz finden. Also haben wir uns geärgert und zähneknirschend den gekürzten Urlaub zur Kenntnis genommen, weil alles andere noch viel teurer geworden wäre.

Sonntag, 26.12.
Für halb sechs am Nachmttag ist das Einchecken angesagt, draußen liegt Schnee, einige Flughäfen sind gesperrt und Bahnausfälle sind vorprogrammiert. Also machen wir uns gegen zwölf Uhr mittag auf den Weg, damit wir um halb sechs da sind. Bis wir in einem Zug sitzen, dauert es noch zwei Stunden, denn auch am Bonner Bahnhof ist das Chaos zu merken. Züge fallen aus, bleiben stehen - jedenfalls sind wir wirklich erst um  vier in Düsseldorf und als die Maschine mit einer Stunde Verspätung in der Luft ist, sind wir froh, daß der Flug überhaupt gestartet ist. Auf dem Display des Bordmonitors sieht man 250 km Rückenwind und weil das Flugzeug darum auf einmal 1099 km schnell fliegt, landen wir schon nach einer dreiviertel Stunde auf dem Flughafen Marco Polo. Es ist kurz nach halb neun, als wir ein Taxi nehmen und der Fahrer schafft die Strecke nach Venedig in knapp fünfzehn Minuten, so daß wir wirklich um neun am Campo Santa Margherita sind, wo unsere Wohnung liegt. Rein in die Wohnung, Gepäck hingestellt und ab zu den Dönerbuden, denn ab acht Uhr sind die Bürgersteige hochgeklappt und man kriegt nur noch die Touristenpreise und die "Menu touristico". Im Studentenviertel legt der Dönermann gerade einen neuen Spieß auf - es wird wohl da eine lange Nacht werden -  die Student/inn/en stehen schon Schlange und sind in Feierlaune und irgendwann haben wir etwas gegessen und genießen eine Flasche Landwein zum Preis eines Rothschilds. Die einzige Bude am Piezzale, die immer aufhat, ließ sich den Service gut bezahlen - sei's drum! Für's Frühstück werden wir morgen einkaufen können, Schnee liegt hier nicht, es ist gut fünfzehn Grad wärmer als zuhause und abends trifft man kaum einen Menschen - außer man treibt sich in San Marco oder Rialto herum.
Etwa neun Uhr in Dorsoduro - ein paar Nachtschwärmer, aber keine Touristen.

Montag, 27.12.
Kurz hinter dem Campo Santa Margherita lag immer ein "punto"-Supermarkt, aber der wird gerade umgebaut, so daß wir Richtung Zattere laufen, denn da gab es immer den großen "Billa"-Markt. Der ist auch noch da und davor steht ein Lastkahn mit einem LKW, der gerade entladen wird und damit ist klar, wie der Supermarkt beliefert wird - mit dem Boot geht das einfach nicht. Der Markt ist gut sortiert, es gibt sogar Ziegenmilch, - käse und alle die Dinge, die wir für unser Allergikerlos benötigen. Die Alternative ist der "coop"-Markt am Piezzale Roma, der wäre uns jetzt allerdings zu weit.

Nach dem Frühstück müssen wir die Wohnung noch bezahlen - Lucia hatte uns als Stammkunden die Schlüssel schon geschickt, doch es ist noch Geld abzuliefern und wir hatten versprochen es ihr vorbeizubringen. Adressen in Venedig bestehen aus dem Stadtteil und der Hausnummer, hier ist es  "S. Marco 1497". Wenn man nicht weiß, wo man suchen soll, ist es schwierig, denn die Nummern haben kein klares System. Wir wissen zwar, daß wir an der "jewellery behind the church" suchen sollen, laufen auch erst hinter die Kirche, aber da fängt bereits der nächste Stadtteil an. Jedenfalls sind wir schon nach zehn Minuten an der Adresse, halten einen kurzen Plausch und strolchen dann durch San Marco bis zur Rialtobrücke. Man kommt dort an einem Platz vorbei, den wir immer "Campo di Goldoni" (Campo San Bortolomio) nennen, weil dort das Goldoni-Denkmal steht. Seit ein paar Jahren gibt es dort auch einen Disney-Shop (S.Marco  5258) und wenn man genervte Eltern und erwartungsvolle Kinder sehen will, gibt es keinen besseren Ort als diesen Laden - kinderbedingt haben wir ähnliche Erfahrungen auch in Paris gemacht....

Erst war es McDoof in Cannaregio, nun ist es auch Disney in San Marco - die Amerikanisierung der Jugend macht Fortschritte
Übrigens fällt auf, daß in Venedig immer noch die Rampen stehen, die vor gut anderthalb Jahren für den Marathon aufgebaut wurden. Sie sind ein bißchen abgewetzt, was bedeutet, daß sie auch benutzt werden. Man sollte Rollstuhlfahrern und Kinderwagenbenutzern nicht gerade vom Besuch der Stadt abraten, aber behindertenfreundlich ist Venedig immer noch nicht und einen Treppenlift habe ich zwar in der Nähe der Rialtobrücke  gesehen, doch er war  außer Betrieb und ein Rollifahrer fluchte ausgiebig und nicht druckreif, während er die Stufen hochkrabbelte und seine Frau seinen Rolli trug. Trotzdem sieht man nun den einen oder anderen Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen gibt es auch mehr. Vielleicht greift die EU-Norm zur Integration der Behinderten ja auch in Venedig allmählich.

Dienstag, 28.12.
In Murano steht jedes Jahr ein gläserner Weihnachtsbaum und weil das Wetter gut aussieht, laufen wir zur "Accademia", denn da kann man auch Tickets für die Boote kaufen und muß nicht erst zum Piezzale. Leider sind wir nicht die Einzigen und erst, als das Boot ablegt, kommen wir dran. Es ist kompliziert: Schüler müssen für vier Euro einen Berechtigungsschein kaufen (der am 31.12. natürlich verfällt), dann dürfen sie für EUR 18.- statt einem Tagesticket ein Dreitagesticket kaufen, müssen aber dann bei jeder Kontrolle Schülerausweis, Ticket, Personalausweis und diesen Berechtigungsschein vorweisen. Auch auf eine ausrückliche Anfrage muß eine behinderte junge Frau beim Transportmittel Vaporetto den vollen Satz zahlen - der deutsche Behindertenausweis wird nicht verstanden oder gilt hier offenbar nicht - wenn das die EU wüßte. Im Prinzip kauft man am besten ein Dreitagesticket für EUR 33,-, denn da ist das Verhältnis zwischen Beweglichkeit und Rabatt am günstigsten und irgendwann mag man nicht mehr Vaporetto fahren. Das Wochenticket spart übrigens nur noch einen Euro und irgendwann ist man zu Fuß nicht nur schneller als mit der Linie Eins sondern man ist auch den Lärm der alten Motoren leid - unterhalten kann man sich auf dem offenen Deck nicht, man müßte brüllen.

Als wir alle nötigen Tickets zusammenhaben, der Drucker neu gestartet wurde, der Computer ein weiteres Mal abgestürzt und der Ticketverkäufer leicht genervt ist, sind drei weitere Boote gefahren und die Schlange auf ca. 25 Menschen angewachsen. Wir machen, daß wir wegkommen. Übrigens gab es auf dem Boot ein Touristenpaar, das für die Überfahrt von der Salute nach San Marco (eine Station) zweimal einen Einzelfahrschein für 6,50.- gelöst hat. Die werden natürlich überall erzählen, daß Venedig so teuer ist, aber wenn man den Weg zur nächsten Brücke nicht kennt, hat man keine Wahl - also sollte man am Anfang immer einen Plan dabei haben.

Die Fahrt nach Murano zieht sich hin. Man setzt auf der Linie 42 immer die kleinsten Boote ein, damit sie auch richtig voll werden und bis zur Insel dauert es knapp eine Stunde. Die erste Station auf Murano wird von den Erstfahrern gestürmt und im Laufschritt eilen die zu den Glasläden, die Erfahreneren bleiben einfach sitzen, fahren mit dem Boot drei Stationen weiter und steigen an der Eisenbrücke aus, denn dann kriegt man im Restaurant noch Plätze und die interessanten Läden sind sowieso nicht auf der Touri-Meile. Umsonst ist nur der Anblick der öffentlichen Kunst, das Kleinzeug, die Massenware, kommt vermutlich aus China. Beim Stöbern durch die Glasbläser-Läden stellt man immer wieder fest, was es doch für schöne Sachen gibt, die man nicht braucht. Es gilt die Regel, je schwerer, desto Einzelstück - wenn man etwas kauft, sollte man es sich auf jeden Fall nach Hause schicken lassen und unter zehn Euro ist es nicht echt. Richtige Glaskunst gibt es sowieso erst ab dem vierstelligen Bereich und das ist wohl nur etwas für die Dinks (double income, no kids). Übrigens gibt es die Linie DM (Diretto Murano), die erheblich schneller ist und nur an Umsteigestationen hält - damit spart man eine gute halbe Stunde Fahrtzeit. Der Weihnachtsbaum ist beim Besichtigen kein Weihnachtsbaum mehr, sondern eher eine Art quadratischer Seeigel aus Glas - es soll wohl eine Schneeflocke darstellen, meint meine Frau.
Der Weihnachtsbaum in Murano - jedenfalls ist er modern...
Die Trattoria an der Brücke enttäuscht dieses Mal. Die Portionen sind zu viel klein, der Fischteller ist verkokelt und versalzen, vier Schüsseln Grünfutter werden als "Insalata Mista" erst am Ende des Essens gereicht und zum Anmachen bekommt man Öl und Pfeffer. Als die Teller leer sind, wird noch eine zweite Runde Weißbrot gereicht - das ist es irgendwie nicht. Wenn man überlegt, was man für über hundert Euro (vier Personen) bekommen hat, braucht man hier nicht essen zu gehen, sondern macht es zuhause oder fährt nach Sizilien (übrigens zahlt man bereits pro Person 2,50.- wenn man sich setzt, aber das ist in ganz Venedig so). Selber kochen ist immer billiger und besser - wenn es die Ferienwohnung denn hergibt. Darum fahren wir von Murano  mit der Linie DM direkt zum Piezzale Roma, gehen im coop an der Haltestelle  einkaufen und fahren den ganzen Krempel mit der Linie 1 bis in die Nähe der Wohnung. Als wir abends noch mal rausgehen, wird auf dem Markusplatz bereits das Gerüst für die Silvestersause aufgebaut - man wird sehen.


Mittwoch, 29.12.
Das Wetter ist schön, also lohnt es sich San Giorgio zu besteigen. Man muß auch nicht eine Stunde warten wie beim Campanile in San Marco, sondern kann sofort den Lift betreten. Von oben hat man eine sehr schöne Rundsicht über die Dogana (alte Zollstation links), den Campanile von San Marco (rechts) und den Stadtteil Arsenale (der paßte nicht mehr aufs Bild).




Als wir runterkommen, ist es noch früh und weil auch wenige Leute in der Kirche sind, kann ich mir ganz in Ruhe die geschnitzten Chorstühle in zwei Reihen anschauen - sowas hat noch nicht mal der Kölner Dom.

Das Chorgestühl steht in zwei Reihen, zusammen etwa 120 Plätze - es müssen viele Mönche gewesen sein.
Danach nehmen wir die langsame Linie 42 nach Murano, steigen am Leuchtturm (Murano Faro) in die Linie LN nach Burano und nehmen uns Zeit durch die Stadt zu bummeln. Burano lebt noch viel stärker als Murano von den Touristen und am Hafen gibt es eine Dutzend Fischerboot, die erkennbar regelmäßig in Betrieb sind, doch zum Einkaufen muß man wohl mit dem Boot zum Lido oder nach San Basilio zum Supermarkt. Schön ist es, einsam auch, aber ich frage mich, wo die Kinder wohl zur Schule gehen.
Bunt, idyllisch und ziemlich abgelegen - das ist Burano. Jedes Haus hat eine andere Farbe.

Donnerstag, 30.12.
Es ist etwas diesig und die Jüngste hat sich gewünscht mal den Lido zu sehen. Also nehmen wir die Zuckellinie 1 und fahren bis Endstation. Zufällig treffen wir im Boot meinen Kollegen und Freund Arnold, der mit seiner Frau ebenfalls über Silvester hier ist und für das Kochen einkauft. Da Arnold hier studiert hat, kennt er die Stadt natürlich von vorne bis hinten und kann uns eine genaue Beschreibung geben, wie man die Oper "La Fenice" findet und das Haus, in dem Mozart 1771 mal gewohnt hat. Am Giardini steigt er aus - da hat er seit Urzeiten eine Wohnung und vermutlich kennt er noch einen Supermarkt mehr.

Am Lido gibt es Autoverkehr wie zuhause und es ist kaum zu glauben, daß man nur zum Strand kommt, wenn man die Hauptstaße lang geht. Der Strand selber ist noch winterfest. Die Winterstürme haben entsprechend viel Treibgut angespült und vor dem großen Hotel (das nun geschlossen ist und in Eigentumswohnungen umgebaut wird) ist mit Bulldozern eine meterhoher Sandwall aufgetürmt, der Schlimmeres verhüten soll, sonst muß man im Frühling wieder soviel Sand anspülen. Am Lido selber ist nichts los, das Café hat zwei Tische herausgestellt, an denen keiner sitzt und ein einsamer Verkäufer versucht uns häßliche Schals für fünf Euro anzudrehen. Große Geschäfte wird er wohl um diese Zeit nicht machen.
Schwer vorstellbar, daß das einer der teuersten Strände Europas ist - man munkelt von € 3000.- für eine Saisonkarte

Auf dem Rückweg schauen wir noch in Klamottenläden (für die Mädchen) und im Supermarkt (für den Wein) vorbei. Beim Gedränge im Billa frage ich micht, was die Feuerwehr wohl dazu sagen würde - es gibt einen Engpaß von einem Meter Durchlaß, durch den sich etwa 100 Kunden zwängen um sich dann auf vier Kassen zu verteilen. Klar, morgen ist Silvester.
Am Nachmittag machen wir zu zweit einen Abstecher in die Oper "La Fenice". Dort kann man sich einen Audioguide mieten und hat dann unbegrenzt viel Zeit, sich mit der Architektur und der Geschichte des Hauses auseinanderzusetzen. Inbegriffen ist eine Besichtigung des Saales und der Königsloge und auf der Bühne ist viel Betrieb, weil das Neujahrskonzert übermorgen landesweit übertragen wird. Irgendwann im nächsten oder übernächsten Jahr werden wir uns mal eine Vorstellung anschauen.
Die Bühnenarbeiter installieren noch den Blumenschmuck in den Nationalfarben.

Auf dem Rückweg schauen wir uns nach Arnolds Wegbeschreibung auch das Haus an, in dem Mozart 1771 gewohnt hat. Die Ponte dei Barcarole ist von fotografierenden Japanern umlagert, die "Mozart! Mozart" rufen, die Gondolieri singen irgendwelche Mozart-Konglomerate und ich mache ein paar Bilder. Mittlerweile sind allerdings so viele Graffiti an diesem Haus, daß man sie besser nicht zeigt - immerhin war Mozart damals 13 Jahre und keine Mozart-Oper hat es zu Lebzeiten ins "Fenice" geschafft - aber das ist eine andere Geschichte.

Auf dem letzten Weg durch Dorsoduro dämmert es und der Stadtteil entwickelt seinen eigentümlichen Reiz. Gerade um das Guggenheim-Museum haben die letzten Jahre neue Künstler ihre Ateliers aufgemacht. Einer, der unter anderem hölzerne Unterhosen auf einer Wäscheleine schnitzt, war im letzten Jahr noch auf dem Campo San Margerita - er hat sich nun verbessert und bekommt hier eine zahlungskräftige Kundschaft. Wofür man allerdings eine holzgeschnitzte Unterhose braucht, lassen wir mal offen.
Dämmerung in Dorsoduro - in der Nähe des Guggenheim-Museums gibt es jede Menge Galerien und Ateliers.
Außerdem packen die meisten Gondolieri nun ihre Sachen zusammen und machen Schluß. Die Preise scheinen auch gefallen zu sein. Wiederholt habe ich heute Angebote von achtzig bis siebzig Euro gehört, normalerweise läuft kein Trip unter 120.- Der Winter macht sich auch im Preisniveau bemerkbar und viele Gondolieri warten vergeblich auf Kundschaft.

Feierabend - morgen kommen vielleicht mehr Kunden.

Freitag, 31.12., Silvester
Am Vormittag starten wir beim Fischmarkt in Dorsoduro und bedauern, daß wir keine vernünftigen Pfannen haben, die für die Fische groß genug sind, denn hier gibt es fast alles, was man sich vorstellen kann und weil es außer diesem Markt nur noch den an den Markthallen gibt, sind die Händler spätestens um zwei Uhr nachmittags ausverkauft. Man muß also früh da sein, wenn man seinen Lieblingsfisch haben will. Wer Fisch unbedingt selber zubereiten will, bringt sich am besten eine richtige Pfanne mit, die meisten Ferienwohnungen haben nur Pfannen, die bestenfalls für Rührei taugen.

Die Auswahl ist schon ziemlich gut, leider sind die meisten Ferienwohnungen nicht für die Fischküche ausgelegt - die Pfannen sind zu klein.

Danach lassen wir uns ein bißchen treiben, laufen durch Dorsoduro nach Cannaregio, eine reine Wohngegend, die von Touristen meistens verschont bleibt, weil die meisten von ihnen den Weg dahin nicht finden. Da gibt es Gegenden, z.B. im "ghetto", wo die Zeit scheinbar stehengeblieben ist. Traditionell gekleidete Juden kaufen in den kleinen Läden für ihren religiösen und kulinarischen Bedarf ein, es gibt Läden für alles, was man für die jüdischen Feste benötigt, mehrere Restaurants weisen auf ihre koschere Küche hin - das jüdische Viertel scheint halbwegs intakt zu sein und daß es auf dem Platz eine ständige Polizeipräsenz gibt, ist wohl auch ein Beleg dafür. Übrigens ist der Begriff des "ghetto", in Venedig zum ersten Mal verwendet worden, meinte damals diese Siedlung, in der eben die venezianschen Juden lebten und der Begriff wurde von dort weltweit importiert. Es gibt im "ghetto", aber auch Künstlerviertel, kleine Handwerksbetriebe und die meisten Häuser dort sind bewohnt und dienen eben nicht als Ferienwohnung.
Der jüdische Laden und der christlich-amerikanische Weihnachtsmann in trauter Nachbarschaft....

Gegen halb vier schließen die meisten Läden, die Kneipen machen dafür alles für den Abend fertig und die ersten Silvesterparties fangen an.  Da laufen wir allmählich nach Hause und und schwelgen später in Nudeln mit Meeresfrüchten, was zuhause einfach unbezahlbar wäre - hier hat es etwa den Preis einer Piazza Margherita gekostet. Fernsehempfang geht in der Wohnung für uns nur mit dem ZDF - so gut italienisch können wir nun doch nicht - und der fröhlich gemeinte Schwachsinn ist so nervig, daß die Kiste ausbleibt. Hoffentlich werde ich nie so alt, daß ich diese Art von Unterhaltungsprogramm gut finde.

Gegen halb zwölf machen wir uns auf den Weg zur Zattere, denn das Feuerwerk wird im "Bassino di San Marco" abgebrannt werden, der Stelle zwischen San Marco, San Giorgio und der Dogana. Erstaunlich weng Menschen sind unterwegs, lediglich an der Spitze der Dogana sind etwa so viele Menschen wie gestern an der Kasse des Billa und man muß keine Angst haben, daß man in die Lagune geschubst wird, denn es geht alles ganz gesittet zu. Einige haben sich ihr Sektfläschchen mitgebracht und halten ihre Gläser bereit, andere sitzen mit Rotweinglas auf den Stufen. Um zwölf wird es laut, weil von San Marco zu hören ist, wie ein paar tausend Menschen rückwärts zählen und als allgemein gejubelt wird, ist wohl Neujahr (wir haben keine Uhr mit). Vom Campanile und von San Giorgio hört man leises Glockenläuten (das volle Geläut hören wir erst am darauffolgenden Nachmittag), ein paar Böller gehen los, vereinzelte Raketen und wir gucken uns an, denn eigentlich sollte ja ein großes Feuerwerk stattfinden. Doch wenig später gibt es drei wahnsinnig laute Böllerschüsse und es geht ein Feuerwerk los, wie ich es noch nie gesehen habe. Ein Schiff in der Lagune ist die Startbasis und was von dort in die Luft geschossen wird, ist etwa das Dreifache des "Rhein in Flammen", aber in der halben Zeit. Ohren- und augenbetäubend, vor allen Dingen weil man zwischen Meer und Himmel keine Sichtbehinderung hat. Es gibt einfach keine Pause und manchmal ist der ganze Himmel in Flammen.

Ein kurzer Moment des Feuerwerks,  Turm und Kathedrale von San Giorgio im Hintergrund, links die Lichter gehören zu San Marco.

Samstag, 1.1. 2011, Neujahr
Früh am Morgen sind wir wieder in der Wohnung und haben die ganze Nacht Feuerwerk, denn jedesmal wenn ein Böller geworfen wird, hört man den Knall dreimal - hier ist halt alles aus Stein und es gibt entsprechend Nachhall und Echo. Der Vormittag wird Ausschlaf, Gammel- und Ausruhtag und erst spät nach dem Mittagessen zieht es uns nach San Polo. Dort gibt es tolle Läden zum Gucken (und Kaufen), zum Beispiel einen Beatles-Fanshop, der alles an Devotionalien hat, was man sich vorstellen kann, doch leider hat er zu. In einem anderen, klitzekleinen Laden kaufen meine Kinder eine echte venezianische Maske (zu einem echten venezianischen Preis) - vermutlich ist sie wirklich echt, weil die junge Frau im Laden vor sich einen Arbeitsplatz hat, an dem sie ständig Masken beklebt und bemalt. Gegen Abend öffnen die meisten Geschäfte wieder, es wird voller, drängeliger und auch der Verkehr an der Zaterre nimmt zu. Vor dem Molina Stucky auf der Giudecca, der ehemaligen Mühle, die nun zum Hilton-Hotel geworden ist, rauschen die Boote nur so vorbei. Anscheinend steigen nun die Nach-Silvesterfeiern.

Reger Schiffsverkehr zwischen Tronchetto und San Marco am Neujahrsabend.


Sonntag, 2.1. 2011
Nach dem Frühstück geht es zum Einkaufen, denn heute haben die Märkte alle wieder auf. Unterwegs lesen wir eine Ankündigung eines Orgelkonzertes in der Salute (Santa Maria della salute), der Marienkirche, die anläßlich der überstandenen Pest ab 1630 gebaut wurde. Pünktlich um viertel vor zwölf sind wir da, die letzten Besucher der zu Ende gegangenen Messe strömen raus, die anderen wollen rein. In der Salute gibt es keine Kirchenbänke im Hauptschiff, doch vor dem Altar stehen Bänke für ca. 100 Personen. Leise spielt der Organist eine Improvisation, wie es bei der Kommunion üblich ist und wir warten, bis das Konzert anfängt. Nach einer halben Stunde spielt er aber immer noch seine Improvisationen, die irgendwie auch immer gleich klingen und man muß genau hinhören, weil das Örgelchen so leise ist. Es klingt zwar sehr katholisch, das Örgelchen hat ordentlich Zungenregister, Vox coelestis, Posaune und Sesquialtera, aber es klingt irgendwie immer gleich und erscheint zu leise, obwohl wir wir höchstens  dreißig Meter entfernt sitzen. Mehr als dreißig Register und einen Sechzehnfuß hat diese Orgel mit Sicherheit nicht, und das reicht für die Größe dieses Raumes einfach nicht aus. Immerhin ist die "Salute" ist nach San Marco die größte Kirche der Stadt, eben, weil es eine Dank- und Wallfahrtskirche ist. Als außer uns kein Mensch mehr vorne ist, gehen wir irgendwann auch und sind über das angekündigte "Konzert" etwas enttäuscht. Venedig hat so tolle Kirchen, aber die Kirchenmusik scheint in Venedig nicht zu funktionieren.


Der Altarraum hat etwa ein Zehntel der Kirchengröße, der größte Rest ist unbestuhlt, wie das untere Foto zeigt. Hinter dem Altar die Orgel.


Am Nachmittag machen wir noch eine ausgedehnte Runde über die "Accademia" und "San Polo" und diesmal hat der Beatles-Fanladen auf. Einerseits hat er die üblichen T-Shirts mit den Motiven aller LP-Hüllen, aber auch Modellgitarren, Modellschlagzeuge, Beatles-Figuren in allen Größen, alles mögliche Gitarrenzubehör mit Beatles-Abbildungen und außerdem einen Schlüsselanhänger der Konkurrenz um Mick Jagger. Spontan fällt mir eine Karikatur aus den Sechziger Jahren ein, die ein unaufgeräumtes Jugendzimmer zeigt, bei dem an einem Nagel in der Wand etwas Undefinierbares hängt mit der Aufschrift "Stoffetzen aus der Jacke von John Lennon". Solche Sachen hat der Laden leider nicht, aber originale Promi-Instrumente kann man auch am "Hard Rock Café" am "Bassino Orseole" bewundern. Weil die Stones-Zunge acht Euro kosten soll, verkneife ich sie mir und auch das Gibson Modell des SG-Dobleneck von Jimmy Page macht mich nicht richtig an, obwohl sie mir mit 33.- billig erscheint, aber sie ist ja auch nur zehn Zentimeter groß. Vielleicht kann ich mir diese Gitarre ja mal in echt kaufen, denn sie wird immer noch von Gibson aufgelegt und bei dem gegenwärtigen Dollarkurs ist das Ding mit ca. € 3.000.- schon fast bezahlbar...


Ein Muß für Beatles-Fans: der Laden in San Polo liegt auf der Hauptachse zwischen Rialto und San Marco - einfach den Schildern folgen.

Auf dem Rückweg über San Marco kommen wir am Uhrtum neben San Marco, dem "Torre dell' Orologio", vorbei und wollen hinaufklettern. Ein kleines Schild sagt, daß man sich dafür im "Museo Correr" anmelden muß. Wir gehen dort vorbei und haben Glück, denn am nächsten Tag um zehn Uhr morgens sind noch Plätze frei. Ganz zufrieden gehen wir nach Hause.


Montag, 3.1. 2011
Am Morgen ist Spitzenwetter und wir haben ein gutes Gefühl für die Besichtigung des "Torre dell' Orologio". Wie verabredet warten wir um zehn beim Eingang und als die Gruppe zusammen ist, stellen wir fest, daß es außer uns nur noch eine junge Frau aus Rußland ist. Wie wir später sehen, ginge die Gruppe gar nicht größer, weil es im Turm so eng ist. Die Führerin spricht recht gut Englisch und hat alle möglichen Fakten parat. Wir erfahren, daß der gegenwärtige Turm den Erhaltungszustand von 1499 darstellt, daß das Uhrwerk im Prinzip das gleiche ist wie vor über 500 Jahren und daß der Uhrenwärter mit seiner Familie im Turm gelebt hat - in jeder Etage ein Zimmer und ständig der Lärm des Uhrwerks, denn pro Tag fallen 132 Schläge an und mechanische Uhren in dieser Größenordnung machen einfach Lärm. Beeindruckend sind die Funktionen, die das Uhrwerk seit 1499 hatte, u. A. eine "digitale Anzeige" im Fünf-Minuten-Rhythmus (jedesmal ein lautes Klacken, wenn die Anzeigetafel gewechselt wird), jede Stunde wird per Glockenschlag zwei Minuten vor und zwei Minuten nach der aktuellen Zeit geschlagen, dazu kommen noch Mondphasen, Meridiane, Jahreszeiten und vor allen Dingen die dekorativen Uhrenschläger auf dem Dach, die ebenfalls einen Höllenlärm machen.

Bis 1998 wurde der Uhrturm ununterbrochen von einem Wärter mit Familie bewohnt - etwa so gut wie eine Wohnung im Kölner Hauptbahnhof: zentrale Lage, aber gewisse Einschränkungen. Noch heute gibt es bewohnte Appartements neben dem Uhrtum. Sie sind mietfrei, dürfen aber nur innerhalb der Familie vererbt werden und die Aussicht von der oberen Etage ist fast so gut wie die vom Uhrenturm selbst - im Norden sieht man heute die Dolomiten rosa schimmern, ein Anblick, den ich in Venedig noch nie erlebt habe.

Die Figuren sind ca. 2,60 m hoch und schlagen die Glocke wirklich an. Im Hintergrund die Basilika San Marco, Palazzo Ducale und San Giorgio.
Nach dem Uhrenturm können wir auf der Eintrittskarte noch ins "Museo Correr" gehen, einem Museum, das die venezianische Geschichte aus der Seefahrerperspektive zeigt. Man sieht alte Globen, Karten, eine Bibliothek aus Tausenden von Büchern, von denen keins jünger als 250 Jahre ist und außerdem wird das nötige Zubehör für die Seefahrer gezeigt: Kanonen, Gewehren, Messer, Säbel und andere scharfe Totmacher, aber die sind zumindest so gesichert, daß kein Amokläufer mal eben mit einer Hellebade herumwüten kann.

Weil das Wetter immer noch schön ist, entlassen wir die Töchter, kaufen uns eine Tageskarte für den Vaporetto und fahren nach San Michele, der venezianischen Friedhofsinsel. Es gibt einige Gräber, die regelmäßig besucht werden: Strawinsky mit Ehefrau, Joseph Brodski und natürlich Sergeij Diaghilew. Im Herbst des letzten Jahres hatte jemand von der John Neumeier Company das aktuelle Programmheft auf das Grab gelegt. Dieses Mal sind es ein paar posthume Liebesbriefe ("we miss you so") , Schokolade und jede Menge Blumen. Unvorstellbar.

Seit dem letzten Jahr sind außerdem wieder ein paar Grabsteine mehr zerbrochen, eine riesige Zypresse hat beim Umfallen ein halbes Dutzend Grabsteine umgemäht, liegt quer über dem Friedhof und muß noch zerkleinert werden. Der Friedhof erschent ein bißchen morbider als nötig, dabei ist so schönes Wetter. Auf der Rückfahrt sieht man noch einmal die Dolomiten, ein Anblick, der bis in die Dämmerung vorhält.

Die Dolomiten schimmern hinter der Friedhofsinsel, oben iegt natürlich Schnee.
Zu guter Letzt nehmen wir am nachmittag die Fähre und setzen über zur Insel "Giudecca" um ein paar Dämmerungsfotos zu machen. Wie im Kitschbild geht die Sonne unter, es ist absolut still und zwei venezianische Ruderboote liefern sich ein Wettrennen. Dann  ist die Sonne untergegangen, das Licht weg und die Stimmung futsch. 

Nicht gestellt, nicht nachgeholfen - war einfach so. Vielleicht trainierte ja ein venezianischer Sportclub.
Den Abend beschließen wir in einem Restauranz an der Zaterre und sind angenehm überrascht: unter hundert Euro für vier Personen mit zwei Gängen, das Essen doppelt so reichlich wie letztens in Murano, aber viel, viel besser. Da kann man also hingehen, hat aber bitte im Kopf, daß die Gedeckgebühr und der "servizio" bei vier Personen mit  siebzehn Euro zu Buche schlagen, das heißt in Deutschland hätten wir achtzig Euro bezahlt und da kann man nicht meckern. (Pizzeria Ae Oche, Dorsoduro 1414 an der Zattere).

Dienstag, 4.1. 2011
Über Nacht ist es biestig kalt geworden, Fröstelwetter ist angesagt und so machen meine Frau und ich uns nur noch einmal zur Redentore auf. Auf der Überfahrt zur Giudecca ist es schon schweinekalt, viele Venezianerinnen tragen Pelze und dazu, wegen "aqua alta", Gummistiefel. In der Kirche stehen zwar vier Heizpilze für frierende Besucher zur Verfügung und die sind daher merkbar wärmer, aber es ist immer noch ziemlich kalt. Wir schauen uns ein paar Tintorettos an und sind nach einer halben Stunde der Meinung, es ist für den letzten Tag genug. Unsere Mädchen sind bei diesem Wetter erst gar nicht rausgegangen. Da der Rückflug erst am Abend ist, ist es unbezahlbar, daß Lucia meinte, wenn wir gingen, sollten wir einfach die Schlüssel auf den Tisch legen und die Tür zu ziehen, denn nun können wir im Warmen warten, bis wir zum Busbahnhof und zum Flughafen müssen.

 Zuhause liegt noch Schnee, wenigstens das blieb uns heute morgen erspart, doch ich habe auch alte Bilder gesehen, auf denen der Markusplatz unter einer Schneedecke lag. Das nächste Mal fahren wir wieder, wenn Biennale ist oder - wie angedacht - wenn die Fenice etwas zeigt, was den Flug lohnt.

Nachtrag zuhause: Wenn es irgendwie geht, sollte man an "Marco Polo" landen oder abfliegen - "Treviso" ist so furchtbar unorganisiert, daß man sich den Streß nach Möglichkeit ersparen sollte.

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