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Reiseberichte - Italien - Venedig an Ostern 2018


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Ostern in Venedig 2018  
Text und Fotos: © Martin Schlu,  Schlußredaktion: 7. April 2018, 23.30 Uhr     Text als pdf-Datei, 5,7 MB, 20 Seiten

Venedig für Anfänger - Biennale 2017 - Biennale 2015 Sommer 2013 Winter 2011
Zwischenstation München - Ferienwohnung - Guggenheim-Museum - Aqua altaMercato/Fischmarkt - Ostersonntag in Venedig -   San Michele - Jüdisches Viertel - San Marco und Rialto
Ostern in Venedig sind etwa 300.00 Menschen
Ostern in Venedig sind etwa 300.000 Menschen dort - ein großer Teil davon im Bereich San Marco.
Im Hintergrund sind unter den Wolken die Dolomiten zu sehen

Vor ein paar Monaten ging die Meldung durch die Presse, daß die Deutsche Bahn ihre Schlafwagen eingestellt hat, allerdings gab es den Hinweis, daß die österreichische Bahn (ÖBB) täglich eine Nachtverbindung nach Venedig anbietet und da meine Frau und ich sowieso an Ostern wieder in der Serenissima bleiben wollten, wurde kurz entschlossen gebucht. Der Nachtzug geht kurz nach halb zwölf ab München, also wäre auch noch ein guter halber Tag in der bayrischen Hauptstadt möglich, wenn man um halb acht in Bonn startet.
Gesagt getan.

Dienstag
Ende März stehen wir also um halb acht am Bonner Bahnhof,  besteigen den Zug und unsere Plätze sind in der Ersten Klasse. War im Angebot, sagt meine Frau, die wollten für die Erste Klasse Sonderpreis weniger als zweite Klasse Linie. Kein Wunder, daß kein Mensch mehr bei der Preispolitik durchblickt.

Es läßt sich aber gut an. Das Internet funzt, Kaffee wird vorbeigebracht, zwischendurch gibt es Gummibärchen für lau, nur nach fünf Stunden Sitzen tut auch bei Ledersitzen mal der Popo weh und nach sechs Stunden steigen wir am Münchner Hbf aus, lassen Koffer und Laptop im Schließfach und machen uns in die Innenstadt auf - bzw. da sind wir ja schon, denn anders als der Flughafen im 70 km entfernten Erdinger Moos, liegt der Münchener Bahnhof direkt am Stachus, der nicht nur seit der Olympiade 1972 der Mittelpunkt der Stadt schlechthin ist. Damals hat man den Verkehr oberirdisch zementiert und für die Fußgänger eine der größten unterirdischen Fußgängerzonen geschaffen, die es damals in der Bundesrepublik gab - bestenfalls Stuttgart kann da mithalten.

Der Münchner Stachus unterirdisch
Einer der Seitengänge des unterirdischen Stachus - noch nicht mal der größte

Exkurs: Kaiser Ludwig von Bayern:  Überspringen
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Ich war den 1970er Jahren häufig in München, denn ich hatte damals einen Gitarrenlehrer in Schwabing und mein bester Freund lebte in der Aubinger Rassogasse und studierte dort Kunst. So will ich ein paar Sachen wiedersehen: Frauenkirche, Theatinerkirche, Marienplatz etc., alles was fußläufig in ein paar Stunden möglich ist. Also geht es durch den Stachus, durch das Neuhäuser Tor in die Kaufingerstraße an der Michaelskirche vorbei und links am Fischereimuseum zur Frauenkirche.
Dort ist ein Turm eingerüstet und ein hoher Bauzaun kündet von der Restaurierung. Von innen ist nicht viel zu berichten: Die Kirche ist eher spartanisch eingerichtet, bis auf das Grabmal des Bayrischen Kaisers Ludwig von Bayern (1282 / 1286 - 1347)  aus dem Haus Wittelsbach, dem Gründervater des Wittelsbachergeschlechtes und einem der wirklichen wichtigen Figuren der bayrischen Geschichte.    https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_IV._(HRR)


Ludwig von Bayern war 1314 vom Kölner Erzbischof im Bonner Münster gekrönt worden, am gleichen Tag wie sein Gegenkönig Friedrich von Österreich, der in Frankfurt vom Mainzer Erzbischof erhoben wurde. Der Papst hatte zwei deutsche Könige und zwei zerstrittene Erzbischöfe nicht verhindern können, denn Clemens V. war seit einem halben Jahr tot und erst 1316 gab es einen neuen Papst (Sedisvakanz). Zwischendurch war auch der französische König, Philipp der Schöne, gestorben und daß seit 1309 der Papst in Avignon saß, verkomplizierte die deutsche und die französische Reichspolitik noch einmal. Man hätte das Problem zwar militärisch lösen können und den Ausgang der Schlacht als Gottesurteil gesehen, doch dies geschah nicht. 1316 wurde Johannes XII. Papst in Avignon (in Rom gab es ein paar Jahre lang keinen) und Ludwig von Bayern versuchte ihn auf seine Seite zu ziehen. Die Positionen wurden jedoch immer kontroverser (Armutsstreit) bis Ludwig seinen Konkurrenten entmachten konnte. Er ließ Papst Johannes’ XXII. im April 1328 absetzen und sich selbst von römischen Adeligen am 12. Mai 1328 in Rom zum Kaiser krönen - ein Affront gegen jeden Papst, ob in Avignon oder in Rom. Nun war Ludwig ab 1328 Kaiser des Heilgen Römische Reiches Deutscher Nation und regierte eben nicht von Wien aus sondern von München. 

Nach der Kaiserkrönung erhob Ludwig IV.  Nikolaus V. zum Gegenpapst in Rom, in der Hoffnung den Papst in Avignon Johannes XII. zu schwächen. Dies ging gründlich daneben, denn Nikolaus unterwarf sich Johannes und der wiederum exkommunizierte Ludwig. Den Rest seines Lebens seiner Herrschaft war der bayrischen Kaiser mit dem Papst zerstritten und wäre vielleicht Protestant geworden, wenn es Martin Luther damals schon gegeben hätte. Das Grabmal des Bayrischen Kaisers ist also einer Person gewidmet, die Weltgeschichte geschrieben hat, doch es ist eine schöne Attrappe, weil die Knochen längst in der Krypta liegen und wie man unschwer erkennen kann, stammt das jetzige Grabmal nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem Barock. 

Das barocke Grabmal eines mittelalterlichen Herrschers: Ludwig iV von Bayern

Außerdem ist die Frauenkirche der erzbischöfliche Dom von München und Freising und so hängt  dort auch ein Portrait des letzten deutschen Papstes Benedikt XVI, der bevor er Papst wurde, eben der Erzbischof in dieser Kirche war (er hat auch in Bonn gelehrt und in der Nähe meiner Schule ist an der Wohnung, in der er in Bonn wohnte, eine große Gedenktafel angebracht). Also auch hier ein großer Bayer, der seinen Weg in Bonn begann.... Liste der Päpste

Nun ist München - wie Venedig - natürlich Touristenstadt und verkauft man in Venedig üblicherweise die Masken, Gondeln und Kirchtürme in allen Größen, Farben und Preisen, so bieten die Händler hier Bierseidel an, FC-Bayern-Devotionalien, scheußliche Puppen und häßliche Teller. T-Shirts, Buttons, Magnettafeln etc. gibt es sowieso für jede Stadt. Rheinländer brauchen nur an Königswinter oder Rüdesheim zu denken, dann wissen sie, was ich meine. Ganz unfaßbar erscheint mir die Szenerie, als einem chinesischen Tourist eine schwäbische Kuckucksuhr als „Made in Bavaria“ angedreht wird. Ich vermute, sie fliegt mit dem neuen Besitzer wieder an ihren Ursprungsort.

Der Marienplatz ist nicht wieder zu erkennen. Ich kannte ihn als Standort eines Marktes (nein, der Viktualienmarkt ist woanders), aber der gesamte Platz ist eine Baustelle. Vermutlich wird unter ihm die Passage ausgebaut. Da gehen wir am Rathaus weiter, über die Weinstraße und sehen kurz darauf die gelben Türme der Theatinerkirche. Vor vierzig Jahren wußte ich nicht viel über Baugeschichte - heute ist es mehr und so ist das Typische dieser Kirche eben der Umstand, daß es vom Stil her eigentlich eine italienische Kirche ist. Auch die Läden in der Theatinerstraße haben italienisches Preisniveau - etwa von Venedig, Florenz, Mailand, die teuren Lagen. Im Inneren findet gerade eine Probe statt:  Stabat Mater und Psalm 112 von Vivaldi. Es klingt sehr professionell, vielleicht Musikstudenten, vielleicht schon Freiberufler - alle sehr jung und sehr gut. Geleitet wird von Robert Mehlhart, dem Chordirektor dieser Kirche.

Am Odeonsplatz ist die Feldherrnhalle immer noch so häßlich wie vor vierzig Jahren, als ich sie das letzte Mal sah. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hätte man sie abreißen können, nachdem Hitler sie ja sein Leben lang als nationales Denkmal für sich reklamierte, denn sie war das Ziel des Aufmarsches und späterem Putsch vom 8./9. November 1923. Ich vermute, in fünf Jahren wird das Ding Kultort der Neonazis werden. Man hätte mit dem Abriß also noch Zeit genug.


Nach ein paar Stunden Pflastertreten ist es Zeit, daß wir essen gehen und als wir aus dem Restaurant herauskommen ist es dunkel und auf der Theatinerstraße noch mehr los als vorher. Die Trachtengeschäfte springen einem richtig in die Augen (für eine echte Tracht rechnet man ab ca. 1000.-, wenn sie was hermachen soll) und unter einer Arkade macht sich ein kleines Orchester spielfertig. Sie haben einen Flügel hergeschafft und spielen sehr professionell Bach, Vivaldi und Mozart. Später finde ich im Internet heraus, daß sie freiberuflich arbeiten und daß man sie natürlich buchen kann. Nur ihre Webseite müßte mal überarbeitet werden.
http://scherzo-musik.de/home/index.php?lang=de
 

Die letzten zwei Stunden vor Zugabfahrt verbringen wir im Warteraum des Bahnhofs, erleben schräge und betrunkene Personen, die sich dort auch aufwärmen wollen und eine halbe Stunde vor Abfahrt gehen wir zum Zug. Ich hatte gedacht, Schlafwagen bedeutet großes Bett, kleines Bad (so ähnlich wie in den James Bond-Filmen der 1960er Jahre), aber dem ist nicht so. Auf etwa drei Quadratmetern hat man drei Betten übereinander, einen Stecktisch, ein Waschbeckchen mit Wasserhähnchen und Türchen (sie sind wirklich sehr klein) untegebracht und das Klöchen ist im Gang. Wenn ich mich auf meine Liege lege (etwa in 1,90 m Höhe) stoße ich an Kopf und Füßen an, aber dafür falle ich auch nicht herunter. Vom Service kriegen wir jeder ein Tütchen mit Pantoffeln (fürs Klo), eine Fläschen Wasser und ein klitzekleines Handtuch. Hier fällt eben alles kleiner aus.

Schlafwagen der ÖBB - klein und effektiv
Schlafwagen der ÖBB - klein und effektiv. Die Schuhe sind Gr 37 (zum Vergleich)...

Nun können wir es uns in unseren drei  Quadratmetern gemütlich machen, solange einer immer steht und der andere auf dem Bett liegt.  Eine  abnehmbare Hühnerleiter ermöglchit den Aufstieg auf das obere  Bett, aber die Trittstufen sind so klein, daß es ein bißchen in den Füßen weh tut, wenn man auf sieben Quadratzentimeter sein Gewicht abstützt. Irgendwann ist alles verstaut, der Zug fährt los und eine Zeitlang sitzen wir auf dem Bett trinken ein Weinchen und sind ganz zufrieden. Mehr als Schlafen kann man in dieser fahrenden  Zelle soweiso nicht. - zurück


Mittwoch
Das gleichmäßige Rumpeln von Klimaanlage und fahrenden Rädern entspannt unglaublich und irgendwann bin ich eingeschlafen. Ab und zu wurde ich wach, weil es still war und der Zug stoppte - er war in München mit Ziel Venedig und Budapest gestartet und bei Villach wird er in zwei Züge getrennt. Da muß man im richtigen Wagen sein. Aber wo soll man nachts auch hingehen? Weitere Stopps scheinen einfach nur den Zweck zu haben, Zeit totzuschlagen, denn eigentlich braucht man für die Strecke nicht acht Stunden.

Gegen sieben werden wir von der Schaffnerin geweckt, bekommen Frühstück und haben noch anderthalb Stunden Zeit zu gucken. Es geht durch die Weingebiete von Friaul und Venetien und als wir an dem Bahndamm sind, der Mestre mit der Altstadt verbindet, hat der Vermieter sich schon gemeldet uns zur Salute bestellt.

Als wir um halb neun mit unseren Siebensachen ausgestiegen sind, wird erstmal ein Wochenticket für die vaporetti besorgt (pro Person € 60.-, wie im Vorjahr), wir nehmen die Linie eins und sind gegen neun an der Salute. Der Vermieter hatte gesagt, sein Schwager Andrea würde sich um uns kümmern, denn er sei im ospedale und leider unabkömmlich. Wir warten leicht genervt bis gegen zehn, als Andrea auftaucht und uns erklärt, er käme gerade vom Schwager im Krankenhaus (das erklärt die Zeit), nein nicht lebensgefährlich, aber man müsse es bobachten. Er führt uns zur Wohnung, die etwa dreihundert Meter von der Haltestelle entfernt ist und erklärt, der Schwager sei Glasbläser in Murano, die Wohnung habe dem Großvater gehört und er sei dort aufgewachsen. Außerdem gibt er uns eine Osterkerze und das venezianische Traditionsgebäck, das colomba pasquale, ein in Taubenform gebackener süßer Hefekuchen mit reichlich Zucker und Mandeln. Wir haben fast die ganze Woche dran gegessen - mille gracie!

Man sieht sofort, daß es eine echte venezianische Wohnung ist: Das Treppenhaus ist abenteuerlich steil, das Bad hat man eine halbe Treppe höher gelegt, so daß man vier Stufen zum Klo aufsteigt (wie beim Besteigen eines Thrones) und die Dusche ist nochmal einen halben Meter höher gesetzt. Die Wände sind bemalt und geschliffen, der Fußboden besteht aus abgeschliffenen Kieseln und selbstverständlich ist das meiste aus Glas: Überall hängen Kronleuchter (aus Glas), Wandlampen (meistens aus Glas), Lichtobjekte aus Glas, an den Wänden hängen Zeichnungen und Entwürfe für Glasobjekte - u.a. für die Wandlampen im Café Florian am Markusplatz - und die Küchenschränke haben Türen aus Rauchglas. Authentischer geht es irgendwie nicht.

Lampenentwurf für ein berühmtes venezianisches Café
Lampenentwurf für ein berühmtes venezianisches Café

Als alle Formalitäten geregelt sind, zieht es uns in die citta. Wir nehmen traditionell die Eins, fahren den canal grande ab und schauen, was sich verändert hat. Lorenzo Quinns Hände hat man nach der Biennale im letzten Jahr stehen gelassen, ebenso das halbe Gesicht von Igor Mitoraj. Die rege Bautätigkeit fällt auf: Die Accademia-Brücke ist komplett verkleidet, etliche palazzi werden saniert und restauriert und es gibt gefühlt mehr Baustellen in den calle und parocchia als sonst. Für heute lassen wir uns einfach treiben, kommen an, erkennen viele Sache wieder und haben nach drei Stunden wieder das Gefühl, daß wir keinen Stadtplan mehr brauchen.
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Gründonnerstag
Das Museum Peggy Guggenheim liegt in der Nähe (Dorsoduro 901/903) etwa zehn Minuten Fußweg über die Zattere und hat als Sonderausstellung den Künstler, der den weltberühmten Reiter auf der Terrasse am canal grande geschaffen hat, Marino Marini. Jedes Mal, wenn ich da war, fand sich irgendein besorgter Vater oder eine besorgte Mutter, die versuchten, ihr Kind von dem Reiter wegzuziehen und wenn man bedenkt, daß das Objekt seit 1948 dort steht, kann man sich ein Grinsen nicht verkneifen:

Der Elternschreck von Marino Marini
Der Elternschreck von Marino Marini 

Das Guggenheim-Museum ist natürlich ein Muß, wenn man das zweite Mal hier ist (beim ersten Mal bekommt man nur mit, daß es am canal grande liegt, weiß aber dann noch nicht, wie gut und wie gut erreichbar es ist). Peggy Guggenheim entstammt einer der reichsten amerikanischen Industrie- und Bankiersfamilie, bekam bei Volljährigkeit ihr Erbe ausbezahlt und widmete sich fortan der Kunst. Mit den meisten zeitgenössischen Künstlern war sie befreundet, kaufte deren Werke, als die Künstler noch unbekannt waren, bekam auch vieles geschenkt und öffnete nach dem Zweiten Weltkrieg ihren privaten Palazzo als Museum, der nach ihrem Tod mitsamt Inhalt an die Stadt Venedig vererbt wurde. Ab 2012 ist auch die Sammlung des mit ihr befreundeten Ehepaars Hannelore B. and Rudolph B. Schulhof dazugekommen und man kann gar nicht alles zeigen, was da ist. Dafür darf man fotografieren (ohne Blitz) und es gibt ein Video der Ausstellungsvorbereitung.

Kunstgeschichtlich ist das Guggenheim-Museum längst ein Weltmuseum und man findet dort fast jeden Vertreter der Moderne: Max Ernst, Hans Arp, Georgio de Chirico, René Magritte, Salvador Dali, viele andere und natürlich Pablo Picasso. Den findet man sowieso überall, weil er sein Leben lang zwei bis drei Werke pro Tag produzierte. In Deutschland ist bestenfalls das Kölner Museum Ludwig mit dem Guggenheim-Museum vergleichbar. Dafür haben die mehr Altes. Im Garten ist Peggy Guggenheim begraben, an ihrer Seite liegen rund ein Dutzend „... beloved babies“ - ihre Hunde. Übrigens kann man auch Kinder gut für moderne Kunst begeistern. Ein amerikanisches Ehepaar kaufte der Tochter eine Kaleidoskop-Linse und die hüpfte von Kunstwerk zu Kunstwerk und beguckte alles durch diese Linse. Genial!

Kind und Kunst können gut miteinander
Kind und Kunst können gut miteinander

Auf dem Rückweg kaufen wir das, was noch fehlt (wir bekommen nicht alles - z.B. kann man hier kein Küchenmesser kaufen), tragen die Einkäufe aufs Boot und tuckern zur Salute. Für heute reicht es. - zurück

Karfreitag 
Nach der protestantischen Tradition ist der heutige Tag der höchste Feiertag überhaupt und die Töchter, die gerade in Rostock sind, haben gestern schon für den Feiertag eingekauft und melden morgens zehn Zentimeter Schnee. Da ist es hier morgens schon besser und es scheint ein sonniger Tag zu werden, auch wenn es noch etwas diesig ist. Für alle Fälle haben wir gestern auch schon eingekauft, aber da Italien ein katholisches Land ist, denken wir, daß der eine oder andere Laden vielleicht doch aufhat, falls wir etwas vergessen haben. Wir wollen zu San Marco und hoffen, daß die großen Touristenmasse erst später dorthin strömen.

Da unsere Wohnung dieses Mal hinter der Salute liegt (Santa Maria della Salute - die größte Kirche nach San Marco) haben wir es nicht weit zum Vaporetto, setzen eine Station über und sind gegen zehn vor Ort. Kein Feiertag, nirgends. Die teuren Läden haben nur nicht auf, weil es noch vor zehn war, aber nun werden die letzten Scheiben gewienert, schwarz bekleidete oder beanzugte Verkäufer stehen erwartungsvoll hinter den Tresen von Gucchi, Chanel, Prada etc. und erwarten die betuchte Kundschaft der chinesischen, russischen und arabischen Herkunft. Als wir unter den Arkaden des Museo Correr am Markusplatz ankommen, ist der piezzale merkwürdig leer. Beim Näherkommen wird auch klar warum: aqua alta hat eingesetzt und aus den Gullis sprudelt das Lagunenwasser. Der Sonnenstand stimmt und so ergeben sich viele schöne Motive, bei denen das Objekt als Original und als Spiegelung zu sehen ist. Nach spätestens sechs Stunden ist der Zauber aber wieder vorbei, weil dann Ebbe eingesetzt hat und alles wieder schnell abfließt. 

Aqua alta (Hochwasser) am Markusplatz - immer wieder schön.
Aqua alta (Hochwasser) am Markusplatz - immer wieder schön.

Nur ein paar Hartgesottene bleiben bei den Tischen des Café Florian und den Tischen der anderen Cafés sitzen, während die Musiker die ersten Nummer spielen. Als ich mit einem Klarinettisten ins Gespräch komme, sagt er mir, daß von Ostern bis September pro Tag elf Stunden gespielt wird und zeigt mir eine dicke Mappe mit Hunderten italienischen Schlagern und Jazzstandards. Im Winter lebt er von Unterricht, den Sommer verbringt er auf dem Markusplatz abwechselnd spielend und pausierend - jeweils eine halbe Stunde lang.

Vor San Marco stehen die Hochwasserstege und das Schlangenende ist irgendwo in San Polo, so daß wir den Besuch für heute verschieben. Man muß nicht zwei Stunden warten um dann in fünf Minuten durch die Kirche geschleust zu werden und wir haben gegenüber den Tagestouristen einen großen Vorteil: wir können abwarten - die Anderen müssen heute alles durchhecheln, weil sie ja am Abend wieder weg sind. Wir beschließen in Richtung mercato zu gehen, denn es ist noch früh genug, daß der Fischmarkt auf hat. Der Weg führt über die Rialtobrücke (Taschen zu und mit der Hand festhalten, dann passiert auch nichts) und auch da ist um halb elf schon der Bär los. Wie wird bloß am Ostersonntag? Zum Glück kann man hinter der Brücke den Hauptweg verlassen und kommt über ein paar Gäßchen (calle) auch dorthin, wohin man will. Auch dort ist der Hauptweg überspült, aber die Gondolieri haben längst reagiert, provisorische Stege aufgebaut und als eine Gondel dort anlegt, hüpfen die Mädchen heraus und ein kleiner Junge plantscht ganz versonnen mit seinen Schuhen im Wasser herum.


Aqua alta auch am mercato - die gondolieri haben das Problem aber schon gelöst.
Markthallen und Fischmarkt
Auf dem Marktplatz wird wieder die Unzulänglichkeit der meisten Ferienwohnungen klar: eine vernünftige Pfanne gibt es nie, oft fehlen Auflaufformen, obwohl meistens ein Backofen  vorhanden ist, aber dafür gibt es hier eine Fischauswahl, die man wenn, nur in den Großstädten hat. Wir haben zwar immer mit dem Gedanken gespielt, fehlende Teile mitzunehmen, aber dann kommt man schnell an die Gepäckgrenze und es erzeugt anderen Streß. Also sehen wir uns an Aalen, Muränen, Tintenfischen, Thun- und Schwertfischen satt, denn wir werden sie nicht zubereiten können. Bemerkenswert ist die Symbiose zwischen Fischverkäufern und Möwen - die eine produzieren die Fischabfälle, die anderen warten darauf, daß wieder etwas auf den Mülltisch geworfen wird. Daß dann ab und zu mal ein Fischfilet gemopst wird, scheint einkalkuliert zu sein. Die Tätermöwe machte den Abflug und kam erstmal nicht zurück und die anderen freuten sich ob des lauten Geschreis. In Deutschland ist so etwas unvorstellbar - ich habe an der Nordsee Warnungen gesehen, nach denen für das Möwenfüttern  € 500.-  Strafe angedroht war.

Die Begehrlichkeiten für Menschen und Möwen
oben: Die Begehrlichkeiten für Menschen und Möwen

unten: Geduldig wartet die Möwe auf den nächsten Fischkopf
Geduldig wartet sie auf den nächsten Fischkopf


Nach dem Marktbesuch sitzen wir auf dem Campo San Polo und ruhen uns im Café aus. Es ist warm, die Mehrzahl der anderen Touristen ist woanders und man kann gut entspannen. Nach einer halben Stunde kommen ein halbes Dutzend amerikanische Jugendliche, die Kellner rücken eilfertig die Tische zusammen und es wird wohl teuer für die Kids werden. Da gehen wir.

Auf dem Rückweg nach Dorsoduro wird an der Zattere ein Ruderboot ins Wasser gelassen und ein paar Meter weiter an der Gondelwerkstatt Squero San Trovaso (Dorsoduro 1097, Ecke Fondamenta Nani/Calle di Squero) steht eine Gruppe Touristen und fotografiert. Vor zehn Jahren wußte kein Schwein, daß es überhaupt eine Werkstatt für die gondole gab, jetzt steht das Ding in den Reiseführern. Es gibt aber noch drei andere, ua. an der accademia und einen Fachbetrieb für die Ruderhalterung (Forcula). Das kann man rauskriegen.

Am Abend ziehen wir noch mal zum Einkaufen los und fahren mit der vollen Tasche mit dem Boot wieder zurück. Auch mit dem Besorgen von nötigen Dingen kann man viel Zeit rumkriegen, denn die paar Supermärkte, die es hier gibt, erfordern gutes Schuhwerk und das Vaporetto-Ticket für den Rücktransport. Hier sind deswegen spezielle Hinweise zum Einkaufen. - zurück

Karsamstag
Schon frühmorgens schüttet es, ab und zu versucht sich ein Gewitter zu etablieren und der ganze Vormittag ist eigentlich so, daß man besser liest, schreibt oder hört. Am frühen Nachmittag klart es aber auf, die Sonne kommt heraus und wir machen uns auf Richtung Piezzale. Daß man bei Regentagen möglichst nicht in die Museen rennt, weil dies alle anderen auch tun, hat den Vorteil, daß die Straßen, Gassen und Boote dann auch etwas leerer sind. Nach einer gewissen Zeit kommen wir wieder an der Salute an und weil es wieder angefangen hat zu regnen, bleiben wir kurz im Wartehäuschen um die Kapuze hochzuschieben.

Da bricht ein Hagelsturm los, wie ich ihn in Venedig noch nie erlebt habe und zuhause höchst selten. Zentimetergroße Eiskugeln donnern auf das Dach und in Sekunden verdunkelt sich der Himmel. Tapfere Gondolieri bringen sich und die Passagiere unter der Accademia-Brücke in Sicherheit, andere sind zu weit entfernt und suchen Schutz unter dünnen Planen oder Schirmen. Weil die Salute schon geschlossen hat, drängen sich die Menschen an die Mauern und suchen Schutz und dann - nach fünf Minuten - ist alles vorbei.


oben: Wegducken und Schirm auf - mehr geht in dieser Situation nicht.


unten: Mutter Kirche bot keinen Schutz, da hilft nur Gottvertrauen auf das Ende des Unwetters,

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Ostersonntag

Erwachende Glocken. – In allen Kanälen
Flackt erst ein Schimmer, noch zitternd und matt,
Und aus dem träumenden Dunkel schälen
Sich schleichend die Linien der ewigen Stadt.

Sanft füllt sich der Himmel mit Farben und Klängen,
Fernsilbern sind die Lagunen erhellt.-
Die Glöckner läuten mit brennenden Strängen,
Als rissen sie selbst den Tag in die Welt.

(Stefan Zweig)
Schon früh am Morgen läuten vereinzelt die Glocken, aber ein richtiges Ostergeläut der Glockentürme von San Marco, San Giorgio und Santa Maria della Salute will nicht zustandekommen. Dabei ist die Salute keine hundert Meter entfernt und wir hören jeden Halbstunden- und Stundenschlag (Ton as). Das Wetter hat sich nach dem Hagelsturm gestern geklärt und so machen wir uns auf den Weg zum Friedhof (cimitero) auf San Michéle - wo sonst kann man Ostern gedanklich besser begehen als dort?

Leider ist Venedig seit gestern nochmals ein Stück voller geworden. Das merken wir daran, daß alle Boote pickepackevoll sind und weil die Linie 4.2 nach San Michele vom Piezzale Roma  ablegt, müssen wir uns in Geduld üben, bis die Zuckellinie 1 endlich da ist. Aufgedrehte Kinder schreien herum, italienische und russische Telefonate werden so laut geführt, daß alle mithören müssen und als wir am piezzale roma an der Anlegestelle stehen (es ist auch die nach Murano), wollen etwa 150 Meter Menschenschlange in ein Boot, was maximal 100 Menschen faßt. Eine überschlägige Hochrechnung ergibt, daß wir etwa in ein bis anderthalb Stunden loskönnten und wenn wir zurück zur Ferrovia laufen, kriegen wir vielleicht die 4.2 in Gegenrichtung, die einen anderen Weg nimmt , aber auch am cimitero hält. Auf dem Weg über die neue Brücke sehen wir die Dolomiten mit Schnee bedeckt - eine Seltenheit hier, denn meistens ist es so diesig, daß man die ca. 75 km entfernten Berge nicht seht. Also wird der Friedhof verschoben und wir fahren stattdessen auf den Glockenturm (campanile) von San Giorgio und machen Alpenbilder.

    Auch an der Ferrovia sind Menschenmassen. Die Züge spucken ständig Tausende von Menschen aus, die mit ihrem bißchen Gepäck klar machen, daß sie Tagestouristen sind und nur an Ostersonntag hier sein wollen. Irgendwann kommt eine Linie 2, wir springen hinein und haben uns überlegt, bis San Giorgio zu fahren, denn die Zwei hält ja an dieser Klosterinsel. Leider fährt sie dann nicht durch bis nach San Giorgio und so werden wir zwei Stationen vorher an der schlimmsten Haltestelle in San Marco hinausgeworfen und müssen uns durch Tausende Besucher wühlen, bis wir an San Zaccaria anlangen, wo die Zwei nach San Giorgio abgeht.

Alle wollen in die Boote oder auf den Markusplatz
Alle wollen in die Boote oder auf den Markusplatz

Wat soll dä Quatsch?  fragt der Rheinländer in meinem Ohr, bekommt aber keine Antwort. Man muß wissen daß an San Zaccaria alle Boote der venezianischen Linien abgehen, außerdem private Linien wie alilaguna oder die Schnellfähren nach Burano, Torcello und so weiter. Logischerweise passen die aber nicht alle an ein Fährterminal und so sind etwa ein Dutzend Anlegestellen auf einen Kilometer verteilt. Entsprechend ist das Gesicht ein wenig muffelig, weil wir uns das hätten ersparen können, wenn wir direkt zur Zattere gelaufen und übergesetzt hätten. Macht Spaß!

Dafür kommt schnell die andere Linie 2 und die ist nicht überfüllt, weil die Tagestouristen nichts von San Giorgio wissen und viele blättern in den Stadtplänen, ob sie wirklich in dem Boot nach San Marco sitzen (sitzen sie nicht!). Außer uns steigen nach drei Minuten Fahrtzeit auch nur wenige Menschen aus und alle gehen zielstrebig durch die Kirche, denn dahinter ist der Fahrstuhl nach oben. Man hat keine Wartezeit, zahlt die Hälfte des campanile von San Marco und hat morgens die bessere Sicht, weil die Sonne bis zum Nachmittag eben San Marco ausleuchtet, die Fotofreunde auf dem dortigen campanile aber für die wichtigen Fotos Gegenlicht haben - ätsch!.

Die Aussicht ist überragend. Man kann den Flugverkehr an Marco Polo sehen, die Dolomiten zeigen in der Sonne ihre Schneegipfel und wir können auch unsere Fewo hinter der Salute ausmachen. Im Hafen liegen vier (!) riesige Kreuzfahrtschiffe, die alleine für ca. 20.000 Tagestouristen stehen und wenn man heute für jeden Einwohner nur sieben Touristen rechnet, sind etwa 400.000 Menschen in der Stadt. Fast fühle ich mich an die großen Friedensdemonstrationen der 1980er Jahre erinnert, bei denen 300.000 Demonstranten in Bonn waren und die Halbmillionenzahl deutlich überschritten wurde.

Schneegipfel der Dolomiten sind von Venedig aus selten zu sehen, der Flugbetrieb öfter
Schneegipfel der Dolomiten sind von Venedig aus selten zu sehen, der Flugbetrieb öfter

Ein paar fällige Fotos von markanten Gebäuden werden gemacht, die es in dieser Lichtsituation bisher noch nicht gab und ganz zufrieden fahren wir wieder herunter und beschließen an der Zattere essen zu gehen - direkt neben der Haltestelle gibt es ein sehr gutes und preiswertes Restaurant, wo wir schon früher oft gegessen habe. Die Sonne scheint warm, man kann die Jacke ausziehen und als wir unser fritto misto (frittierte Sardinen und Meeresfrüchte) essen, ist der Massenfrust vorbei. Fritto misto ist eigentlich das hiesige Traditionsgericht, das es schon in den frühen 1960er Jahren gab, aber die meisten touristici bestehen halt auf Pizza, Lasagne und Pommes (selbst schuld).

Weil wir schon mal in der Nähe sind, gehen wir die dreihundert Meter durch die Gassen zur Accademia dell' arte, dem wichtigsten Musum für venezianische Kunst. Seit Monaten wird dort für eine Ausstellung getrommelt, die eigentlich morgen zu Ende gehen sollte, aber als wir da sind, stellt sich heraus, daß es eine Verlängerung bis in den Juli gibt.


Sex sells - letztendlich ist es ein Ausschnitt aus einer Darstellung des jungen Paris

Wir gehen hinein und haben wieder den Metzgerei-Effekt: viel Schinken, wenig Filet. „Schinken“ sind eher dokumentarischen Bilder über die Entwendung der vier Pferde auf San Marco durch Napoleon bzw. deren Rückgabe durch den österreichischen Kaiser, der genauso wie Napoleons Bruder mal Herrscher von Venedig war. Schinken sind aber auch die unsäglichen barockiserenden Darstellungen antiker Stoffe des 19. Jahrhunderts, die sich Begüterte in ihre Wohnstuben hängten und von denen einem ganz schlecht wird, weil sie so überladen sind mit Putten, Busen, Gewändern, abgeklärten Blicken und Symbolen. Das „Filet“ dagegen waren vier Himmel/Hölle-Gemälde von Hieronymus Bosch, die nach modernsten Methoden in Venedig restauriert wurden und nun zu sehen sind. Wer Bosch kennt, weiß, was ungefähr drauf war.

Zuhause, gegenüber von San Giorgio, kriegen wir noch mit, wie zwei große Kreuzfahrtschiffe auslaufen und wir sind froh, daß wir von der Aussichtsplattform wieder runter sind, weil die genau auf Höhe der Schornsteine liegt. Allen Venedig-Fans sei hiermit gesagt: Bitte nicht an Ostern kommen und dann schon gar nicht mit einem Kreuzfahrtschiff. Kein Mensch hat etwas davon außer der Reederei und die Bevölkerung ist sowieso gegen diese großen Schiffe, denn die Abgassituation auf dem Giudecca-Kanal entspricht in etwa der Feinstaubsitiuation am BerlIner Breitscheidplatz.  (Hintergrundbericht). Aber in ein paar Jahren sollen die großen Pötte außerhalb anlegen, die Besucher steigen dann auf kleinere Schff um und das ist auch wieder halbwegs verträglich.


Links der Schornstein der MSC Musica - ziemlich genau auf der Höhe der Aussichtsplattform San Giorgios.

Und zum Ausgleich setzt um sieben Uhr abends volles Geläut aller Kirchen ein. Geht doch! - zurück



Ostermontag
Heute wollen wir einen  neuen Versuch machen, auf die Friedhofsinsel San Michele zu kommen.

Die Frontmauer der Friedhofsinsel
Napoleon hatte bei seiner Besetzung Venedigs 1804 verfügt, daß Tote nicht mehr neben den Kirchen bestattet werden durften, weil es überdurchschnittlich viele Kirchen gab und die Einwohnerzahl Venedigs so groß war, daß man verhindern mußte, daß das Grundwasser verseucht wurde. Auf der Insel San Michele stand ein ehemaliges Kloster der Kamaldulenser, von dem noch der Kreuzgang, die ab 1469 erbaute Renaissancekirche San Michele in Isola und die um 1530 errichtete sechseckige Cappella Emiliani erhalten sind. Diese Insel war weit genug entfernt um Verseuchungen zu verhindern und nah genug, daß man die meisten Toten dort bestatten konnte und so fanden 1827 die ersten Beerdigungen dort statt. 1837 beschloß die Stadt diese Insel zum Zentralfriedhof umzuwandeln und ließ solange Land aufschütten, bis die Insel San Michele die heutige Größe von ca. 450 x 400 Metern hatte. Später wurde weiteres Land aufgeschüttet, die Friedhofsmauer gebaut, die einen Friedhof erst zu diesem Ort macht (einfrieden) und seit 1998 ist die letzte Erweiterung im Bau, die weitere sechs Hektar umfaßt und von David Chipperfield geplant wurde.

Man besucht die Insel mit der Linie 4.1 oder 4.2 ab Piezzale Roma oder der Station Palanca (gegenüber Zattere) und rechnet eine gute halbe Stunde Fahrtzeit oder man fährt ab Fondamente Nove, das der Insel gegenüberliegt. Die Engelsgruppe zwischen dieser Station und San Michele weist symbolisch den Weg in die Ewigkeit und es steigen am Haltepunkt cimitero auch nur wenige Leute aus - die meisten wollen eine Station weiter nach Murano.

Die angeli kennen den Weg
Die Engel kennen den Weg

Ist man aber erst einmal da, erschließt sich ein ganz eigener Zauber (außer im Hochsommer, wenn die Mücken Jagd auf jedes lebende Wesen machen). Entlang der Wege stehen hohe Zypressen, es gibt Gräberfelder für Nonnen, Mönche, Kinder, Soldaten und verschiedene Nationen. Teilweise sind die Grabsteine noch aus der Erstbelegung des neunzehnten Jahrhunderts und sie erzählen regelrechte Geschichten, weil es vor hundertfünfzig Jahren üblich war, den Beruf und die Todesart mit anzugeben. Man liest über Schiffsunglücke, vermißte Seeleute oder Krankheiten und die etwas wohlhabenden Familien ließen oft einen steinernen Kopf oder zumindest ein Relief herstellen. Bei den neueren Gräbern sind häufig Fotos dabei.  Irgendwann kommt man an den früheren Haupteingang, von dem aus man wieder einen Blick auf das lebendige Venedig werfen kann. Auch wenn die Toten heute nicht mehr in Gondeln gebracht  und über diesen Haupteingang getragen werden, bleibt die Stimmung erhalten.

Der alte Haupteingang mit Bick auf Venedig
Der alte Haupteingang mit Bick auf Venedig

Die Wege sind so angelegt, daß man sich gut orientieren kann und bei der Friedhofsverwaltung am Eingang links kann man einen Zettel bekommen, auf dem die berühmtesten Gräber verzeichnet sind. Da ich musikaffin bin, zieht es mich immer zu Igor Strawinsky und zu seinem Choreographen Sergej Diaghilew. Beide zusammen arbeiteten ab 1911 in Paris zusammen und schufen so berühmte Werke wie den Feuervogel (L'Oiseau de feu, 1912) oder den Sacre (Le sacre du printemps, 1913). Immer wenn ich da bin, liegen wieder neue Ballettschuhe auf Diaghilews Grab, oft sind Blumen auf den Gräbern von Igor und Vera Strawnsky und meistens nehme ich mir einen Stein mit und lege ihn aufs Grab (Juden kennen diese Symbolik). Luigis Nonos Grab hatte ich lange nicht gefunden, weil es eigentlich ein großer Felsbrocken ist. Erst wenn man unmittelbar davor steht, sieht man die Namenstafel. Für Suchende: Diaghilew und Strawinsky liegen auf dem griechischen Teil (Recinto XIV). Wenn man die Kapelle sieht, liegt Diaghilew links davon, die beiden Strawinskys rechts davon (Nr. 36 und 37). Luigis Nono liegt links vom Feld der Ordensschwestern, etwa auf halbem Weg. Wenn man den großen Felsbrocken entdeckt hat, muß man dicht davor stehen, sonst sieht man die Inschrift nicht.

Dighilews Grab Strawinskis Grab
Grab von Luigi Nono
oben links: Sergeij Diaghilew


oben rechts: Igor und Vera Strawinsky


unten links: Luigi Nono

Übrigens sind die Grabplätze natürlich begrenzt und wenn man kein Venezianer ist, bleibt man außen vor, es sei denn man ist sehr berühmt und stirbt in Venedig. Luigi Nono war gebürtiger Venezianer und starb auch hier.
Diaghilw lebte lange  in Venedig und starb auch hier. Von Strawinsky weiß man, daß er sich gewünscht hatte, hier begraben zu werden, obwohl er in New York starb, doch diesen Wunsch hat man ihm erfüllt. Dafür starb Richard Wagner in Venedig und ist in Bayreuth begraben und die Wagner-Fans müssen deswegen dorthin.
(P.S: Sie können dafür aber in Venedig sein Sterbezimmer besuchen, das im heutigen Casino Venezia liegt: Ca' Cendramin Calergi, Voranmeldung dafür unter arwv@liebero.it, mobil: +39 338 416 4174)

Für Interessenten
Normale Venezianer bekommen eine zehnjährige Liegezeit, danach werden ihre Knochen in ein Ossarium (Knochenhaus) übergeführt und weil das Problem mit den Knochen schon immer bestand, benutzt man seit 1583, ca. einen Kilometer nordöstlich von Torcello entfernt, eine unbewohnte, durch eine Mauer geschützte Insel, Sant’Ariano, in der diese restlichen Knochen seit Jahrhunderten unter freiem Himmel lagern. Ab und zu wird buchstäblich nachgelegt. Ein Blick auf Google Earth zeigt ein dicht bewachsenes, undurchdringlich erscheinendes Viereck - den Rest muß man sich denken. Ob die trasporto funebre genannten Bestattungsboote heute immer noch benutzt werden, kann ich nicht sagen. Böse Zungen behaupten, sie würden von der Stadtentsorgung betrieben. Richtig wohlhabende Venezianer lassen sich aber immer noch ihre Mausoleen auf San Michele bauen und wenn man wissen will, was heute angesagt ist und man ein paar Milionen für sein Begräbnis ausgeben kann, findet man Anregungen im neueren Teil, kurz vor Chipperfields Neubauten.

Das moderne Mausoleum zeichnet sich durch einladende Glastüren aus
Das moderne Mausoleum zeichnet sich durch einladende Glastüren aus und verfügt über Sicherheitssysteme wie ein aktueller Supermarkt. - zurück
Dienstag
Wir waren längere Zeit nicht mehr im jüdischen Ghetto Venedigs (2015) und wollen uns mal wieder umschauen. Die Normalbesucher steigen mit den Linien 4.1, 4.2, 5.1 oder 5.2 an der Guglie aus (nicht Giglio, da hält die Linie 1), suchen und finden den Durchgang der sie direkt ins Viertel führt.

Hier geht es zum Ghetto

Dort angekommen, hat sich seit 2015 etwas verändert. Das jüdische Museum ist modernisiert und ausgebaut, wenn auch noch nicht ganz fertig, aber man kann es wieder besuchen. Am Eingang wird man durchleuchtet wie am Flughafen und wenn man hebräisch kann, findet man genug Originallektüre. Wenn man italienisch oder gut englisch kann, hat man auch etwas davon, aber die Erklärungen sind in italienisch genauer als in englisch. Hier ist
noch etwas für Franzosen und Deutsche zu tun.

Was kann man sehen? Es gibt einen umfassenden historischen Überblick über die Entstehung des Ghettos mit Quelltexten und Zeichnungen.  Nachdem ab ca. 1350 die meisten Juden in Deutschland, Spanien, Frankreich und Osteuropa nicht mehr gern gesehen waren, weil man ihnen die Schuld an der Pest 1348/49 gab, bot ihnen die venezianische Regierung Asyl. Man brauchte die Juden als Bankiers, denn man war finanziell knapper geworden und erhoffte sich von den jüdischen Bankiers frisches Geld für den Wirtschaftskreislauf, denn die Juden durften Bankgeschäfte betreiben, was den Christen verboten war. Viele Juden waren gut ausgebildet, sprachen mehrere Dialekte und es gab überdurchschnittich viele Ärzte, Anwälte und Gelehrte unter ihnen. Um unter Christen und Juden verbotene Auseinandersetzungen zu vermeiden, legte man aber 1397 fest, daß Juden einen gelben Hut, später einem schwarzen Hut (Judenhut)  tragen mußten, um für die christliche Bevölkerung als Jude erkennbar zu sein (etwa: mit denen darf man sich nicht anlegen, die werden geschützt).

Das jüdische Museum in Venedig (eingerüstet)
Das jüdische Museum in Venedig (eingerüstet) - rechts die Sicherheitsschleuse

Am 29. März 1516 legte der Senat Venedigs im Gebiet der Eisengießer (ital. geto) einen größeren Stadtbezirk fest, das Ghetto nove, der durch eine feste Mauer vom Rest der Stadt getrennt war und nachts abgeschlossen wurde. Die etwa 700 jüdischen Familien im Ghetto zahlten höhere Steuern als die anderen Einwohner und sie wurden wieder geschützt, waren relativ unbehelligt gegenüber ihren Herkunftsländern und Venedig hatte sich auch nie an Pogromen beteiligt. So gesehen ging es den venezinische Juden recht gut.

Campo Ghetto Nove heute
Jüdische Touristen (meistens aus Amerika) im jüdischen Ghetto.

Die jüdische Bevölkerung im Ghetto wuchs bis 1611 auf etwa 5.000 Köpfe an und weil die Wohnraumverhältnisse für die normalen Häuser zu eng wurden, entstanden erste höhere Häuser, die man noch heute sehen kann. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang ab ca. 1650 wuchs die Anzahl an Restriktionen bis zum offenen Antisemismus und der Anteil der jüdischen Familien sank wieder. Napoleon hob diese Restriktionen zwar ab 1804 auf und ließ auch die das Ghetto abriegelnden Stadttore verbrennen, doch bis die Juden den Christen gleichgestellt waren, dauerte es noch einmal fünfzig Jahre.

Unter Hitler wurden die verbliebenen 286 Juden größtenteils nach Auschwitz deportiert. Einige wenige überlebten und kehrten zurück. Die jüdische Gemeinde in Venedig soll nach wikipedia ca. 500 Personen stark sein und der Polizeischutz ist nicht zu übersehen. Dennoch ist das Viertel lebendig. Es gibt jüdische Buchhandlungen, Läden für jüdische Religionsartikel und das koschere Restaurant Gam-Gam ist recht gut (Cannaregio, 1122), selbst in den Tagen nach Pessach, wo bestimmte Speiseneinschränkungen galten, wurde sehr gut gekocht. Beim Essen kamen wir mit jüdischen Familien ins Gespräche (beide aus Brooklyn, New York) und sie besuchten das Ghetto, weil sie es als historische Wurzel ihrer Familie empfanden.

Den Tag beschließen wir mit einem Bummel durch Cannaregio, vielleicht dem lebendigsten Stadtteil Venedigs, denn hier ist die „Einkaufsmeile“, wo es fast alles gibt, was man sich in einer Stadt vorstellt.


Mittwoch 
Am letzten Tag können wir unser Gepäck noch in der Wohnung lassen, weil die Maschine erst um halb zehn ab Marco Polo abgeht. Wir sollen die Wohnung aber bis zu Mittag geräumt haben, damit geputzt werde kann. Weil das Wochenticket nach dem Frühstück nicht mehr gilt, wird also alles zu Fuß erledigt. Nach zwanzig Minuten sind wir an San Marco und es ist fast leer - zehn Minuten müssen wir warten, bis wir an der Reihe sind. Eigentlich herrscht in San Marco seit 2008 ja absolutes Fotografierverbot, aber um uns herum ist eine Gruppe Chinesen, die sich gegenseitig fotografieren, Bilder und Videos von allem und jedem machen und die Aufpasser gucken demonstrativ weg, weil sie wohl kein chinesisch können. Da nehme auch ich nach ein paar Minuten meine Kamera raus und mache die Bilder, die ich schon seit zehn Jahren mal aufnehmen wollte. Ich habe mal eine Examensarbeit über die Kirchenmusik an San Marco geschrieben und damals untersucht, wie man als Komponist schreiben muß, damit bei einer Bahnhofshallenakustik überhaupt noch etwas musikalisch zu hören ist, denn die Kirche hat faktisch nur glatte Flächen, entweder aus Stein, aus Mosaiken oder blattvergoldete Wände und Decken. Mehr zur Kirche.

Nur der Kölner Bahnhof hat noch mehr Hall
Alles glatt, jede Menge Reflexionen und kein bißchen Konzerthallendämpfung.

Da hallt alles und jedes und man hört jeden Ton, jeden Fehler und jeden Pups. Weil es überall Emporen und kleine Gänge in fünfzehn Meter Höhe gibt, hat damals der Hauptkomponist Giovanni Gabrieli Musik geschrieben, die im ganzen Raum gespielt wurde, weil jeder Musiker räumlich woanders stand - im Prinzip eine ausgebuffte  Sterophonie, von der der am meisten hatte, der im Zentrum dieser Musik stand. Das war der Staatschef von Venedig, der Doge, für den aus diesem Grund neben dem Altar ein vergoldeter Thron stand. Über dem Dogen stand nur noch der Papst und San Marco war die Staatsirche zum Strunzen. Die Musik zeigte den Reichtum und die Macht Venedigs und darum hatte man ein Dutzend Blechbläser und eine Dutzend andere Musiker fest angestellt. Wer mehr darüber lesen will, muß sich ein bißchen Zeit nehmen, kann aber auch ein Video schauen.
Nur standen die Musiker damals nicht - wie hier die Blechbläser der Hamburger Phiharmonie -  auf dem Boden, sondern auf den vielen Galerien und Emporen, aber heute geht das wegen des Denkmalschutzes wohl nicht mehr. Ein anderes Video aus der Abteikirche von Muri zeigt Aufführungen mit alten Instrumenten auf vier Emporen, eine dritte Einspielung der Universität Cambridge zeigt, wie die Musik mit dem Hall spielt.
Etwas Vergleichbares aus San Marco gibt es aber heute nicht mehr, weil San Marco eine reine Touristenkirche geworden ist und sich  geistlich dort nicht mehr viel tut. An manchen Stadtfesten findet schon mal ein Hochamt statt (Beispiel), doch selbst dieses Osterfest (2018) gab es dort keine Messe. Aber heute (5.4.2018) fand in einer Seitenkapelle eine kleine Messe statt , die die Touristen aber nicht gestört hat. Immerhin war dies die erste Messe, die ich in zwölf Jahren Venedigbesuche in San Marco erlebt habe.

Nach dem Aufenthalt in San Marco bummeln wir nach Rialto, denn außerhalb des Touristengewusels gibt es dort die Möglichkeit gut und billig zu essen. In der Rosticceria Gislon (Calle de la Bissa, 5424/a, am Goldoni-Denkmal rechts rein) zahlt man für eine Portion fritto misto sieben Euro, sowenig wie nirgendwo sonst und da treffen sich Mittags die Arbeiter und Angestellten der Läden, essen und plauschen, und wenn eine alte nonna (Omi) kommt, machen alle brav Platz und stehen auf, damit sie sitzen kann. Hier gibt es wirklich noch ein Stück des alten Italiens und meine Frau kennt den Laden seit sie acht war.

Im Übrigen wird immer vor den Taschendieben in Rialto gewarnt. Mir ist noch nie etwas geklaut worden, nicht in Venedig, nicht auf der Rambla in Barcelona und schon gar nicht auf deutschen Weihnachtsmärkten. Man muß sein Geld in zwei Reißverschlußtaschen auf der Innenseite tragen, die Hand draufhalten und außerdem hat man etwas Kleingeld in der Hosentasche, denn dann muß man in manchen Situationen nicht sein Portemonnaie zücken. Wenn geklaut wird, dann beim Bezahlen.

Zum Schluß des Tages investieren wir noch mal in ein Tagesticket und juckeln mit der Eins zum Lido und zurück. Es reicht jetzt auch. Der Aeroporto 5 bringt uns für acht Euro nach Marco Polo und am späten Abend sind wir zuhause.

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