Reiseberichte - Deutschland - Rügen - Binz - Prora 


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Prora
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Text und Fotos: © Martin Schlu 2011, ergänzt 27. Juli 2012
 


Der nördliche Gebäuderiegel im April 2010 von der Landseite

Die Nazis begannen 1936 mit dem Bau einer Ferienanlage für Werktätige, die es ermöglichen sollte, daß 20.000 Gäste pro Woche Urlaub machen konnten, denn das neu eingeführte Recht auf Urlaub führte zu einer Explosion an Buchungen, denen eine relativ geringe Bettenkapazität gegenüberstand. Federführend war die Organisation „KdF“ („Kraft durch Freude“), der man auch den VW-Käfer verdankt und das in den letzten Kriegstagen untergegangene Erholungsschiff „Wilhelm Gustlow“.

Man wollte von Anfang an eine größere Lösung und so hatte man das Architekturbüro Clemens Klotz (!) mit der Planung des bis heute größten Gebäudes der Welt beauftragt. Um 20.000 ankommende und 20.000 abfahrende Gäste  abfertigen zu können, wurde der Rügendamm realisiert, die Bahnverbindung nach Binz-Prora ausgebaut, eine U-Bahn von Sassnitz nach Prora angedacht und alle wichtigen deutschen Baufirmen einbezogen - auch unter dem Aspekt, daß Prora im Kriegsfall als Lazarett dienen konnte. Nach dem Einmarsch nach Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkieges wurde die Bautätigkeit zuerst unterbrochen, ab 1942/43 endgültig eingestellt, weil nun Militärisches gebaut werden mußte und an Urlaub sowieso nicht zu denken war. Die erste Verwendung des unter den Nazis fast fertiggestellten 4,5 km langen Gebäuderiegels fand darum erst kurz nach Kriegsende statt, als Zigtausende Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien dort untergebracht wurden. Bis dahin dienten einzelne Gebäudeteile als Werkstätten für Wasserflugzeuge und als Ausbildungslager für Polizei, Waffen-SS und die Hilfskräfte von Luftwaffe und Marine.

Von 1945 bis ca. 1947 diente Prora als Unterkunft für die Sowjetarmee, danach zogen die Soldaten wieder aus und das Gebäude diente als Internierungslager für enteignete und zwangsumgesiedelte Adelige aus Sachsen und Thüringen, weil die sowjetische Besatzung und die Planer der DDR kein Privateigentum mehr duldete („Junkerland in Bauernhand“). Ein damals angefertigtes Protokoll bescheinigte den abgezogenen Sowjetsoldaten eine gewisse Sachkenntnis in Gebäudezerstörung und dokumentiert einen „desolaten Zustand“.
Nach Gründung der DDR diente Prora als Unterbringungsort der NVA (Nationale Volksarmee) und war militärisches Sperrgebiet. In den frühen 1950er Jahren waren bis zu 12.000 Soldaten dort untergebracht um das Gebäude zu sichern und auszubauen. Bis 1960 war alles verputzt und im Prinzip betriebsfertig, auch wenn Bausünden (u.a. eingesparte Regenrinnen) das Mauerwerk beschädigt hatten und die sowjetische Bruderarmee fast die gesamte Heizung- und Elektreoanlagen demontiert hatten, so daß alles wieder neu eingebaut werden mußte.

Ein Versuch, der zeigen soll, wie der Gebäuderiegel aussehen könnte - nur sind 150.000 qm Nutzfläche nicht leicht zu vermarkten,

Noch Jahre nach dem Mauerfall 1989 wußte die neue Regierung nicht, was sie mit den fast fertigen Bauruinen anfangen sollte und die Diskussion, ob das Ding nun unter Denkmalschutz stehen soll oder nicht, ist immer noch offen. Immer wieder gibt es seitdem Versuche, knapp zehntausend Zimmer im einfachsten Standard zu verkaufen. Momentan ist in den Gebäuden die Jugendherberge der Stadt Binz untergebracht, ein Altersheim ist geplant, freie Künstlergruppen haben Räume besetzt, ein Prora-Museum ist eingezogen, aber die Mehrzahl der Gebäudeteile wird immer noch nicht genutzt und verfällt weiter. Dabei ist die touristischen Lage exzellent, der Strand ist schön, hinter den viereinhalb Kilometern Gebäude hat sich ein stattlicher Kiefernwald gebildet, aber weil man nur alle paar hundert Meter einen Durchgang zum Meer hat, ist das Gebäude touristisch so nicht zu verwenden.


Diese Durchgänge sind zwar gut frequentiert, aber schwimmen gehen ist doch etwas umständlich - es gibt zu wenig Möglichkeiten von der Landseite ans Wasser zu kommen und die Mehrzahl des Gebäudes ist gesperrt.

Sprengen kann man den Gebäuderiegel auch nicht, dafür ist die Bausubstanz zu gut. Was man mit dem Ding noch anstellen wird, ist offen und bleibt wohl auch offen. An den Bunkern, die Hitler an der französischen Küste bauen ließ, sieht man, wie lange sich Beton hält: standen die Bunker ursprünglich auf den Dünen, liegen sie nun - siebzig Jahre später etwa zwanzig Meter tiefer und hundert Meter vor den Dünen im Wasser und schützen die französische Küste vor weiterem Wellenschlag. Das hätten sich die Nazis auch nicht träumen lasen, daß sie mal etwas für den französischen Küstenschutz tun würden.

Literatur
Bernfried Lichtnau: Prora. Das erste Kdf-Bad Deutschlands. Axel-Dietrich-Verlag, Peenemünde 2011, ISBN 3-930066-33-5
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Text und Fotos: © Martin Schlu 2011/12, Stand: 30. Juli