Reiseberichte - Deutschland - Rügen  - Prora 


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Prora
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Text und Fotos: © Martin Schlu 2011, aktualisiert am 14. April 2017

Vorgeschichte - Prora heute
Nach dem Ermächtigungsgesetz 1933 ließ Hitler die Gewerkschaften als „parasitäre“ Vereinigungen auflösen, wollte aber als Freund der Arbeiter gelten und ließ das „Aktionskomitee zum Schutze der deutschen Arbeit“ gründen, dessen Leitung Robert Ley übernahm. Sehr schnell wurde die Organisation „KdF“ („Kraft durch Freude“) ins Leben gerufen, die sich um solche Dinge kümmerte wie ein Radio für jede Familie („Volksempfänger“), ein Auto, das auch für Arbeiter bezahlbar wurde (der spätere VW-Käfer) und sie sorgte sich natürlich um die Erholung der arbeitenden Bevölkerung. 

Das neu eingeführte Recht auf Urlaub führte zu einer Explosion an Buchungen, denen eine relativ geringe Bettenkapazität gegenüberstand. Mit ein paar Erholungsschiffen waren die Massen an Erholung suchenden Arbeitern nicht zu bewältigen und so wollte man von Anfang an eine größere Lösung. Das Architekturbüro Clemens Klotz (!) wurde mit der Planung des bis heute größten Gebäudes der Welt beauftragt, erstellte ein Modell und 1936  wurde der Grundstein einer Ferienanlage für Werktätige gelegt, die es ermöglichen sollte, daß 20.000 Gäste pro Woche Urlaub machen konnten. Vom Grundstein aus wurden 2,5 km in jeder Richtung gebaut, Festhallen waren geplant, Wellenschwimmbäder, Speisesäle für 2.000 Personen und Prora wurde das Synonym zur weltgrößten Ferienanlage.

Um wöchentlich 20.000 ankommende und 20.000 abfahrende Gäste  abfertigen zu können, wurde der Rügendamm realisiert, die Bahnverbindung nach Binz-Prora ausgebaut, eine U-Bahn von Sassnitz nach Prora angedacht und alle wichtigen deutschen Baufirmen einbezogen - auch unter dem Aspekt, daß Prora im Kriegsfall als Lazarett dienen konnte. 1939 war der „Koloß von Prora“ im Prinzip fertig, aber weil in der Sommersaison nach Polen einmarschiert worden war, die Polen zurückgeschossen hatten und damit der Kriegsfall eingetreten war, wurde der Endausbau zuerst auf Sparflamme gesetzt und ab 1942/43 endgültig eingestellt. An Urlaub am Meer war danach sowieso nicht mehr zu denken.

Die erste Verwendung des fast fertiggestellten 4,5 km langen Gebäuderiegels fand darum erst kurz nach Kriegsende statt, als Zigtausende Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien dort untergebracht wurden und den Block sozusagen im Erstbezug übernahmen. Bis dahin hatten nur einzelne Gebäudeteile als Werkstätten für Wasserflugzeuge gedient und als Ausbildungslager für Polizei, Waffen-SS und die Hilfskräfte von Luftwaffe und Marine.
 


Der nördliche Gebäuderiegel (Block vier oder fünf) im April 2010 von der Landseite

Von 1945 bis ca. 1947 diente Prora als Unterkunft für die Sowjetarmee, danach zogen die Soldaten wieder aus und das Gebäude diente als Internierungslager für enteignete und zwangsumgesiedelte Adelige aus Sachsen und Thüringen, weil die sowjetische Besatzung und die Planer der DDR kein Privateigentum mehr duldeten („Junkerland in Bauernhand“). Ein damals angefertigtes Protokoll bescheinigte den abgezogenen Sowjetsoldaten eine gewisse Sachkenntnis in Gebäudezerstörung und dokumentiert einen „desolaten Zustand“ - in den nördlichen Teilen kann man dies gegenwärtig recht gut nachvollziehen, weil dort alles entkent ist - die Sowjets ließen immerhin die Fenster drin.

So etwa muß man sich viele  Gebäude bis vor wenigen Jahren vorstellen.
Ein nördlicher Gebäuderiegel (Block IV) im April 2017 von der Landseite - immerhin wird entkernt

Nach Gründung der DDR diente Prora als Unterbringungsort der NVA (Nationale Volksarmee) und war militärisches Sperrgebiet. In den frühen 1950er Jahren waren bis zu 12.000 Soldaten dort untergebracht um das Gebäude zu sichern, wiederherzustellen und ein zweites Mal den Innenausbau zu machen, weil die sowjetische Bruderarmee fast die gesamte Heizung- und Elektreoanlagen demontiert hatten und dies wieder neu eingebaut werden mußte. Bis 1960 war alles neu verputzt und im Prinzip betriebsfertig, auch wenn Bausünden (u.a. eingesparte Regenrinnen) das Mauerwerk beschädigt hatten.

Ein Versuch, der zeigen soll, wie der Gebäuderiegel aussehen könnte - nur sind 150.000 qm Nutzfläche nicht leicht zu vermarkten,

Noch Jahre nach dem Mauerfall 1989 wußte die neue Regierung nicht, was sie mit den fast fertigen Bauruinen anfangen sollte und die Diskussion, ob das Ding nun unter Denkmalschutz stehen soll oder nicht, war bis ca. 1998 offen. Sprengen konnte man den Gebäuderiegel auch nicht, dafür war die Bausubstanz zu gut: dickes Mauerwerk und bunkertauglicher Stahlbeton kombiniert. An den Bunkern, die Hitler an der französischen Küste bauen ließ, sieht man, wie lange sich Beton hält: standen die Bunker ursprünglich auf den Dünen, liegen sie nun - siebzig Jahre später etwa zwanzig Meter tiefer und hundert Meter vor den Dünen im Wasser und schützen die französische Küste vor weiterem Wellenschlag. Die Nazis hätten sich auch nicht träumen lassen, daß sie mal etwas für den französischen Küstenschutz tun würden. 

Heute (2016 / 2017) - Vorgeschichte
Seit 1999 ist festgelegt, daß das KdF-Gebäude nicht abgerissen werden darf. Immer wieder gab es seitdem Versuche, knapp zehntausend Zimmer im einfachsten Standard zu verkaufen. Momentan ist in den Gebäuden die Jugendherberge der Stadt Binz untergebracht, ein Altersheim war geplant, freie Künstlergruppen hatten Räume besetzt, aber ein großer Teil der Gebäudeteile wurde bis zur Jahrtausendwende immer noch nicht genutzt und verfiel weiter.

In einen Gebäuderiegel zog das Prora-Museum ein, was ein bißchen schwierig zu besprechen ist, denn die Exponate haben durchaus ihren Reiz. Die Schwierigkeit liegt aber in dem totalen Durcheinander der zwar engagierten, aber unprofessionellen Präsentation, denn in dem einen Raum finden sich Exponate zur NVA, dann ist man wieder bei „Kraft durch Freude“, streift die Binzer Feuerwehr, danach die Bundeswehr in Prora und so wirkt dies alles etwas zerfasert. Hier müßte man mal nachbessern und vielleicht ein paar Museumsstellen bezahlen. Im Wandelgang (ursprünglich 6 mal 450 Meter am Stück) liegen noch die originalen Fliesen, es gibt Zimmer, die man so belassen hat und das „Musterzimmer“ einer KdF-Wohnung läßt den Touristen frösteln - wir sind wahrscheinlich verweichlicht und viel zu anspruchsvoll geworden.

Zwei Betten pro Zimmer, Durchgangstür zu den Eltern oder Kindern, Tisch, Schrank und Stuhl - das reichte.
Das Musterzimmer im Prora-Museum. Zwei Betten pro Zimmer, Durchgangstür zu den Eltern oder Kindern, Tisch, Schrank und Stuhl - das reichte.

Dabei ist die touristischen Lage der Ferienanlage exzellent, der Strand ist schön, hinter den fünf Kilometern Gebäude hat sich ein stattlicher Kiefernwald gebildet, aber weil man 2012 nur alle paar hundert Meter einen Durchgang zum Meer hatte, war das Gebäude touristisch so nicht zu verwenden. Im Hintergrund wurden Investoren kontaktiert und bis 2012 war nicht klar, was passieren würde.


Diese Durchgänge waren 2012 zwar gut frequentiert, aber schwimmen gehen war doch etwas umständlich - es gab zu wenig Möglichkeiten von der Landseite ans Wasser zu kommen und die Mehrzahl der Gebäude war gesperrt.


Fünf Jahre später hat sich in Prora eine Menge bewegt. Etliche hundert Wohnungen wurden ausgebaut, verkauft und vermietet, werden modernisiert oder gerade fertiggestellt. Etliche Appartements im Block IV sind an Rügener Einwohner verkauft oder vermietet , werden genutzt oder als Fewo weiter vermietet und durch die vielen Baustellen liegt nun Aufbruchstimmung in der Luft. Block III ist in Arbeit, Block II fertig, Block I und Block V werden noch geplant und man kann davon ausgehen, daß in einigen Jahren alle Wohnungen belegt sind.

Das Hotel Solitaire (Block II) funktioniert und das Problem der geringen Durchgänge wurde überall so gelöst, daß jedes Appartement-Haus einen eigenen direkten Zugang zum Strand oder zu den Dünen hat. Hinzu kommen Läden in Block II - auch wenn sie heute (April 2017) noch teilweise leer stehen. Doch die Cafés und die Bäckerei werden rege frequentiert und die neu gebauten Garagen stehen auch nicht leer. Die Promenade von Prora nach Binz verläuft nun ohne Unterbrechungen, so daß die, die gut zu Fuß sind, durchaus an der Proraer Wiek bis zur Binzer Seebrücke laufen könnten, auch wenn das nicht viele tun werden.

Im Sommer 2016 herrschte jedenfalls reger Badebetrieb, ob am Textilstrand oder am FKK-Strand und vermutlich kam ein großer Teil der Schwimmer/Plantscher aus den weißen Gebäuden des Block II, denn es waren verhältnismäßig wenig abgestellte Fahrräder zu sehen. Man kann absehen, daß die Vison der KdF vom Urlaub der 20.000 Wirklichkeit werden wird - nur anders als 1935 geplant, denn wer hier demnächst Urlaub machen wird, gehört mitnichten zur normalen arbeitenden Bevölkerung, die mit staatlicher Hilfe ans Meer geschickt wird, sondern hat etwas mehr bezahlt als eine Woche Mallorca.

Etwas mehr als frische Frabe wurde schin investiert.
Die modernisierten Gebäude von Prora Nova im Sommer 2016 - ein Jahr später sind die Häuser 32 bis 41 fertig und die Baustellen haben sich verschoben.

Die Preise gegenwärtig sind natürlich der Beginn eines Hypes und es rechnet sich jetzt nur als Geldanlage, denn wenn man den Rest seines Lebens vermieten muß um die Kosten wieder hereinzuholen, sollte man die Finger vom Kauf lassen. Es gibt zwar für Kurzmieter und Touristen gegenwärtig satte Rabatte, weil man hofft, die Nachfrage erhöhen zu können, doch die Kaufpreise der kleinen Wohnungen sind zur Zeit (April 2017) astronomisch: Etwa € 290.000 für eine gediegene Zweizimmerwohnung werden gefordert, ein Penthouse mit drei Zimmern liegt bei über einer Million und wenn man dies mit den Preisen in Binz vergleicht, ist ein Haus an der Binzer Strandpromenade dagegen regelrecht günstig.

Wohlweislich hat man in der Anzeige der Vermarktungsfirma keine Preise genannt - sie übersteigen jedoch den Preis einer Wohnung in Venedig, wenn man mal im Internet gesucht hat. Dennoch wird Prora vermutlich die einzige echte Alternative zu Boltenhagen, Binz oder Göhren werden und daß die Preise in den nächsten Monaten hoch bleiben werden, dürfte sicher sein.

Ausblick vom Balkon des neuen Prora (Proranova, Haus 36)

Vom Balkon aus sieht man genauso auf das Meer wie die Großelterngeneration, die in diesen KdF-Genuß gekommen wäre, wenn der GröFaz sie nicht nach Polen und woandershin befohlen hätte. Nur der Sonnenstand stimmt nicht so ganz, denn das Meer liegt im Osten und so haben alle Zimmer Morgensonne und man kann sich sonnenbadend nur auf dem Balkon aufhalten, wenn es wärmer ist, weil dieser ab Mittag natürlich im Schatten liegt. 

Wenn man trotzdem investieren will, muß man sich nur klarmachen, daß man bis zur Enkel-Generation finanziell nackt sein dürfte - nicht nur am FKK-Strand. Nach wie vor gilt die alte Regel: Abwarten! Es ist zu vermuten, daß die jetzige Blase in ein paar Jahren platzt, die Preise sich auf den Rügener Standard normalisieren und dann können die Großeltern eine Wohnung bezahlen und den Enkeln Klamotten kaufen...


Strandabschnitt bei Block II - finanziell muß man sich ja nicht ausziehen lassen.



Literatur
Bernfried Lichtnau: Prora. Das erste Kdf-Bad Deutschlands. Axel-Dietrich-Verlag, Peenemünde 2011, ISBN 3-930066-33-5
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