Martin Schlu: Musical - Voll im Trend?

Bericht über die Entstehungsphase eines neuen Musicals.

Quelle: MuU 33/95, S. 19-21. © 1995

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Juli 1994
Die drei Aufführungen des Musicals "Anatevka" sind trotz anfänglich unüberwindlicher Schwierigkeiten über die Bühne gegangen, ca. 1400 Leute haben die Aufführung gesehen, bei der knapp sechzig Kinder und Jugendliche beteiligt waren. Nach der letzten Aufführung wird vorsichtig Bilanz gezogen: knapp DM 2000.- für Notenmaterial und Aufführungsrechte, knapp DM 2000.- für Orchesteraushilfen, ca. DM 1000.- für Werbung, jede Menge Kleinzeug - mit allen nur denkbaren Zuschüssen und Gesamtkosten von ca. DM 8000.- haben wir gerade mal dreihundert Mark Minus gemacht,. nicht schlecht. Ein gelinder Ärger kommt auf, als sich herausstellt, daß ca. ein Drittel der Chornoten und Klavierauszüge nicht zurückkommt, und als der Verlag uns die ungefähren Kosten mitteilt (jetzt sind wir bei DM 3000.- für die Noten), kommt meiner Frau und mir spontan die Idee: Das nächste Stück machen wir selbst; schreiben für die Kinder, die am besten gespielt haben; schreiben eine Story, die sie selber betrifft. Nun denn...
 
August
Im Urlaub, zwischen Meer, Kinderdienst und Faulenzen entstehen die ersten Skizzen: eine Geschichte über Schülerprobleme und Schulalltag soll es werden. Meine Frau braucht im Prinzip nur das aufzuschreiben, was sie täglich in der Schule hört etwa:
 
Katja
Sag' mal, Ali, was findest du denn besser - Disco oder Grillen?
Ali
Na, also ehrlich, Disco. Da kommt man wenigstens an Weiber 'ran...
Melanie
Darf die Fatima da denn auch hin?
Ali
Klar, ich bin doch dabei und passe auf, daß sie nicht mit Jungen 'rummacht. Sie ist doch auch nur ein Mensch. Und ein bißchen Vergnügen kann sie ja auch haben.
 
Es zeichnet sich das Bild einer ganz normalen Klasse ab: magersüchtige Mädchen, Jungen mit Machogehabe, Mädchen zwischen erster sexueller Erfahrung und Babystrich, Yuppies, denen ihr Äußeres zehnmal wichtiger ist, als das Innere ihrer Freunde, frustrierte Eltern und hoffnungsvolle Kinder... irgendwann im August existieren auf einmal siebzig Seiten Story, ein Dutzend Songs und als die Schule wieder losgeht, ist klar, daß wir im September mit den Proben beginnen werden. 
 
Erzähler (Sandy)
Das hier ist unsere Klasse, die 8b. Die Frey ist unsere Lehrerin, die ist eigentlich ganz nett. Die Katja, die sich gerade meldet erzählt unheimlich viel, wenn sie nicht gerade aufs Klo muß, weil ihr immer schlecht ist.
(Katja geht raus)
Der Charly ist der mit der Baseballkappe. Der wird immer von der Melanie angehimmelt, warum, weiß kein Mensch. Für mich wär' der nix, viel zuviel Mann und viel zuwenig Hirn. Dem fällt hier auch nicht zuviel ein...
Die Kim ist ganz okay. Das werdet ihr schon merken. Die wird sogar von der Frey akzeptiert. Na, ja, gegen die Kim kann keiner was sagen.
Dann schon eher gegen den Schleimi, den mag keiner, weil der sich immer so den andern an den Darm schmeißt und versucht nach oben zu kommen. Sonst gibt's da noch die Carola, unsern Yuppie Stefan, unsere Türken Ali und Fatima, das Klassenliebchen Jenny und ein paar andere. 
Ich bin die Sandy. Aber ich bin heut' nicht da. Hab was besseres vor.Wir seh'n uns aber wohl noch, spätestens nach der Schule. So long!
  
 
September
In Erinnerung an "Anatevka" wollen diesmal ca fünfzig Kinder mitmachen, eine ganze Reihe davon von anderen Schulen. Erste Anfragen müssen vertröstet werden:
"Nein, die Kulissen brauchen wir erst im nächsten Jahr, ich merk dich aber vor!"
"Du willst in der Band mitmachen? Schön! Noten? Weißt du, bislang existiert erst ein Klavierauszug. Nein, die Noten kann man noch nicht kaufen (Warum eigentlich nicht?) Im Februar hab ich die Schlagzeugstimme, bestimmt".
Es findet ein regelrechtes Casting statt. Pflichtstück für alle ist ein Rap, der zu einer programmierten Schlagzeugbegleitung gesprochen werden muß (Tempo ca. 120). Hier fliegen bereits die ersten Kandidaten aus dem Rennen, weil sie entweder nicht richtig lesen können, Probleme mit der Aussprache haben oder nicht den Sprechrhythmus mit der Schlagzeugbegleitung zusammenbekommen. Ich muß gestehen, daß ich die Schwierigkeiten dieses Parts nicht erkannt habe - besetzt wurde die Rolle erst im Dezember - mit einem Mädchen, weil es keine Jungen gab, die sich für eine Rap-Rolle so profilieren wollten - immerhin steht die Figur des Stefan für lange drei Minuten allein auf der Bühne, singt und tanzt. Wir hatten einen Jungen im Gespräch, sah gut aus, konnte tanzen, konnte rappen - alles was nötig war. Er hat die Rolle ausgeschlagen, weil er nachmittags in einem Modegeschäft aushilft, um sich teure Klamotten leisten zu können - die Realität hat die Satire überholt.
 
Notenbeispiel 1:
 
 
Oktober
Die Szenenarbeit läuft - zwar mit hochgehaltenem Textbuch, aber man kann erkennen, was es einmal werden soll. Der Beleuchter am städtischen Schauspiel erklärt sich bereit uns zu helfen und wird uns bei Erstellung einer Lichtanlage beraten, von der noch nicht abzusehen ist, wer sie bezahlt und wie sie aussehen wird, aber das wird vielleicht noch geklärt. Die ersten Choreographieproben sind gelaufen: da ich die Tanznotation nicht draufhabe, wird taktweise notiert, was der Körper umsetzen soll - ein mühsames Geschäft. Eine P.A. (Tonanlage) ist im Gespräch: der Verkäufer will DM 1500.-.- für Mischpult, Endstufen, Boxen, Ständer, das Schulamt will nur neu einkaufen, obwohl das viermal so teuer wäre. Der Verwaltung sind Gebrauchtkäufe von privat einfach suspekt.
Abends sitze ich vor dem Computer und arrangiere die Songs bühnentauglich (Für Nachahmer: Apple Macintosh System, Notensatz und Sequenzerprogramm "Encore" von Passport Design, Laserdrucker). Dummerweise kann das Keyboard nur eine Klangfarbe gleichzeitig wiedergeben, so daß alles wie schlechtes Klavierspiel klingt. Eine Anfrage bei der Schulleitung ergibt noch etwas Luft im Musiketat und so wird noch eine Soundeinheit beantragt, die - entsprechende Programmierung vorausgesetzt - die Band beim Probenbetrieb ersetzen wird. Als das Ding endlich da ist, wird die abendliche Arrangierarbeit zur Offenbarung und vor lauter Begeisterung programmiere ich viel zuviel Schlagzeug hinein - es klingt im Kopfhörer so wie auf CD. „Deine Schlagzeugstimme kann kein Mensch spielen", sagt unser Schlagzeuglehrer an der Schule, „das klingt wie mit mit einem Drumcomputer programmiert". Weniger ist auch hier oft mehr...
Die Besetzung der Szene ist erstmalig komplett: Die Rollen der Eltern werden von echten Eltern übernommen und eine Mutter erklärt sich spontan bereit Regieassistenz zu übernehmen, und uns damit einen Haufen Arbeit zu ersparen. Sie weiß eine Holzhandlung, die zwanzig Prozent Rabatt gibt. Wieviel Holz für Kulissen benötigt wird, ist noch offen.Wir bekommen jemanden, der uns ein Bühnenbild entwerfen wird und im nächsten Jahr wird dann wohl eine weitere AG "Bühnenbild" die Arbeit aufnehmen.
Die Stadtregierung hat gewechselt. Vielleicht bekommen wir nun etwas mehr Geld.
  
Kein Schotter, keine Knete, keine Fete,
mit zwanzig Mark ist man nicht stark, ist alles Quark!
Wir sitzen hier herum und können uns nichts kaufen,
zuwenig Geld, nee, das mißfällt, nee, das verprellt!
Geld ----- , Geld -----, Geld regiert die Welt,
wir brauchen Money, Pinke, Zaster, Schotter Kies -
Geld ist alles, was hier zählt!
Geld ----- , Geld -----, Geld regiert die Welt,
wir brauchen Money, Pinke, Zaster, Schotter Kies -
Geld ist alles, was hier zählt!
Egal, ob Kino, Kaufhof, Coca-Cola,
kein Bargeld lacht und keiner gibt uns mehr Kredit.
Die Freunde woll'n ihr Geld zurück, doch wir sind pleite:
Kein Geld in Aussicht, sagt, was ist der nächste Schritt?
Geld ----- , Geld -----, Geld regiert die Welt...
 
Mach ich ''nen Bruch, beklau' ich dich oder bescheiße'?
Klau ich im Aldi oder brech' ein Auto auf?
Mops ich am Ersten meiner Oma von der Rente,
oder verramsch ich Papas Sprit im Ausverkauf?
 
Geld ----- , Geld -----, Geld regiert die Welt...
 
Was soll der Jammer, nein, bei uns ist nichts zu holen!
Wir haben nichts, das ändert sich auch nicht sogleich!
Es gibt kein Abo und kein Recht auf reichlich Kohlen,
wer Geld will, heiratet am besten möglichst reich:  
Dann hast du Geld, Geld, und regierst die Welt,
dann hast du Money, Pinke, Zaster, Schotter, Kies -
Macht ist alles was dann zählt.
 
 
November
Die Tonanlage ist bezahlt und wird geliefert. Nun kann vom Computer die Soundeinheit angesteuert werden, sie wird von der P.A. verstärkt und der erste Höreindruck ist nicht schlecht. Kleinere Korrekturen sind noch nötig, aber wir können endlich vernünftig proben (ich bin doch so ein schlechter Pianist...) Der Probenbesuch wird bei den ersten Mädchen unregelmäßig - als ich sie daraufhin anspreche, schmeißen sie alles hin und erklären, es würde ihnen zuviel. Noch ist die Reserveliste ausreichend, allerdings müssen wir in vielen Szenen wieder von vorne beginnen ( 31 Szenen und Songs). Ein anderer Vater organisiert uns Requisiten aus Styropor und als das größte Stück, eine Plakatsäule, nicht in unseren Familienbus paßt, besorgt er auch noch einen LKW und Leute, die uns das Ding auf die Bühne stellen. Die Termine stehen fest: in der ersten Juliwoche wird ganztägig geprobt, Hauptprobe am 6.7., Generalprobe (öffentlich) am 7.7., Uraufführung am 8.7. und danach drei Aufführungen. Die ersten Musiker werden engagiert.
 
Dezember
Beim Tag der offenen Tür soll eine Probe gezeigt werden. Als wir den Song „Geld" proben sitzen ca fünfzig Leute im Zuschauerraum und es herrscht eine Art Happening. Die Choreographie ist ganz leidlich, aber das gleichzeitige Singen und Tanzen klappt noch nicht so recht. Man kann nicht alles haben...Bei einer Solonummer ist unsere Melanie nicht da, weil sie angeblich zur Französischstunde soll, die Lehrerein sagt mir dann später, sie wäre nicht in ihrer Stunde gewesen, weil sie ja im Musical gewesen wäre. C'est la vie.
Am nächsten Freitag bin ich im Schauspielhaus und habe frühmorgens eine Unterredung mit dem Beleuchter. Er macht mir Vorschläge über eine kleine Lichtanlage und mit ein bißchen Hilfe der Direktion ist sicherlich einiges zu machen. Im Hinterkopf habe ich die Bereitschaft eines Förderverbandes, der ein Lichtmischpult bezahlen würde (bis 4500.- darfst du gehen, weiter nicht). „Vielleicht kriegen wir von dem Hersteller noch ein bißchen mehr" sagt der Beleuchter, „die verdienen so viel an uns, da sollen die für euch auch mal etwas umsonst tun!"
Mittlerweile haben wir eine dreiviertel Stunde Musik und anderthalb Stunden Text.
 
Januar
Die AG-Bühnenbild beginnt mit ihrer Arbeit. Wir haben uns im Schwimmbad (schon seit einigen Jahren ohne Wasser, wg. Kostensparen) eingerichtet und an einem Nachmittag werden die ersten Kulissen, sechs Podeste zusammengeschraubt. Das Geld für das Holz stammt aus Landesmitteln. Vier Kinder und drei Eltern sind es jetzt, ein weiteres Dutzend Kinder wartet auf genaue Malaufträge , Farbe und weiteres Material.
Der Klavierbauer liefert die überholte Tastatur, stellt sie noch ein. Endlich wieder ein Klavier in der Aula (obwohl ich so schlecht spiele).
Ich fahre mit unserem Hausmeister Farbe kaufen. Dreihundertfünfzig Mark haben wir aus diversen Kanälen aufgetrieben. Es reicht für das Weißen des Bühnenhintergrunds und das Lackieren der sechs Podeste, die unser Allbaumittel fürs Bühnenbild sind: sechs mal Schulbänke oder, aufeinandergebaut, die Mauer, an der sich die Clique trifft, oder das Bett im Krankenhaus oder...
 
Die Bühnenbild-AG hat mittlerweile die Rückwand der Bühne komplett geweißt, so daß wir mit projezierten Dias arbeiten können. Damit müssen nicht mehr alle Szenen gemalt werden, sondern wir können die Motive, die wir brauchen, fotografieren und auf die Rückwand werfen.Die Podeste sind tritt-, kratz- und tanzfest lackiert.
Die zweite Hauptrolle muß umbesetzt werden, Sarah hat einen neuen Stundenplan bekommen und kann nicht mehr kommen. Schade!
Lokaltermin in der Aula mit Beleuchter, Schulleitung und Hausmeister: die vorhandenen Stromanschlüsse sind stark genug (63 A/380 V) um professionelles Licht zu versorgen. Unser Beleuchter (sein Sohn geht bei uns auf die Schule) wird uns den Schaltkasten neu verdrahten und uns mit allem aushelfen, was wir brauchen, wenn uns die Stadt im Stich lassen sollte. Der Sohn wird uns das Licht fahren und das Mischpult ist finanziert und kann bestellt werden. Erfreulich!
Die ersten Sponsoren werden aufgetrieben: wir werden ein Programmheft erstellen , bzw. erstellen lassen (Zeitungs-AG), in dem Sponsoren inserieren können. Damit lassen sich ca. DM 2000.- einnehmen, wenn wir konsequent aquirieren. Kinder können beim Hereinholen von Anzeigenaufträgen sehr überzeugend sein. Wir brauchen noch mehr Holz", sagt die Assistenz, „versuch noch Geld aufzutreiben!" Haha!
Mittlerweile sind alle Szenen durchgeprobt, alle Songs (fast) fertig arrangiert, wir können ab jetzt zumindest einen Akt pro Probe durchlaufen lassen und damit bleibt noch genug Zeit für Choreographie und Einzelregie. Barbara (Regieassistenz) ist Gold wert: Susanne und ich würden die ganzen Details alle vergessen, wenn sie nicht aufgeschrieben würden. Die Partitur umfaßt jetzt ca 350 Seiten.
 
Februar bis Juli:
Während dieses Heft gedruckt wird (MuU 33/95, S. 19-21. © 1995), sind noch folgende Dinge zu erledigen:
 
Entwurf des Plakats, Herstellung, (Sponsor?), Aushang bzw. Deutsche Städtereklame.
Erste Proben mit der Rhythmusgruppe und den Bläsern
Streicherproben.
Arbeit mit den Solisten,
Finanzkalkulation für Förderverein (soll Gagenanteile und Material bezahlen), Landesverband (soll Gagen und Werbung bezahlen) und Abendkasse (muß den Rest erbringen),
Differenzierte Probenpläne für die Zeit ab April, Lichtinstallation, Bedienungseinweisung, erste Lichtproben,
Presseinfos für Zeitung und Lokalfunk, Organisation von Video und Audioaufnahme ( eigentlich könnten wir auch Mitschnitte verkaufen...)
Premiere wird am 8. Juli '95 sein, Folgeaufführungen am 9. bis 11. Juli. Das Casting für das nächste Projekt hat schon begonnen...
Aber ich denke, wir werden es irgendwie schaffen!

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