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Worpswede - Einleitung
zurück(Stand: 14.10.2012)
von Martin Schlu, 2012


Worpswede ist im 19. Jahrhundert eine äußerst arme Gegend im Hinterland um Bremen, eine Sumpflandschaft, in die man ab ca. 1700 die Bauern holt, die das Pech hatten, Zweit- oder gar Drittgeborener einer Bauersfamilie zu sein und damit keine Chance haben werden, ihre landwirtschaftlichen Fähigkeiten jemals auf einen eigenen Hof anzuwenden. Diesen Bauern verspricht Moorkommissar Jürgen Christian Findorff
ab 1750 die lebenslängliche Freistellung von Militärdiensten und Steuern und ein großes Stück Land als Eigentum. Das müssen sie allerdings erst urbar machen, indem sie Gräben ziehen und warten, bis das Land so trocken ist, daß man eine Kate drauf bauen kann. Zur Sicherheit läßt man diese Bauern vorher unterschreiben, daß sie bis an ihr Lebensende dort bleiben werden, und als die ersten flüchten, weil es so furchtbar ist, dort wohnen und bleiben zu müssen, bringen Soldaten sie wieder zurück, denn der große Plan des Königs ist, das unbewohnbare "Teufelsmoor" zu besiedeln und zu Ackerland zu machen.

Die Sumpflandschaft zwischen Hamme, Wümme und Beek ist damals kaum besiedelt, einige arme "Düwel" (= Teufel, daher der Name) leben auf den Sumpfwiesen von ärmlichster Landwirtschaft, stechen im Moor Torf und lassen es den Sommer über trocknen und wenn im Herbst und Winter nichts mehr getan werden kann, wird dieser Torf auf Kähnen eine bis zwei Tagesreisen über die Hamme nach Bremen getreidelt, gerudert und gesegelt. Nach gut zwei Tagen (man muß notfalls ausladen, den Kahn über die Böschung ziehen, auf einen anderen Kanal wechseln und dann wieder einladen) legt man im Bremer Torfhafen an, verkauft das Zeug als Brennmaterial und wenn man nach einem Tag mit etwas Glück ein halbes bis ganzes Hundert Kiepen
verkauft hat, ("Hund", entsprechen ein ganzer oder ein halber Hund, man kommt sozusagen auf den "Hund"), reicht das Geld für ein paar Wochen einfaches Leben, abgesehen davon, daß man auch wieder einen Tag braucht um leer zurückzufahren.


Sumpflandschaft, wie es sie heute im Teufelsmoor kaum noch gibt, weil man ja fast alles entwässert und trockengelegt hat.

Bei Frost frieren die Kanäle zu, dann ist gar kein Fortkommen möglich und wenn im tiefsten Winter ein Angehöriger stirbt, wird er notfalls im Sarg in der Scheune gelagert, bis der Boden wieder für eine Beerdigung taugt.  Da man immer ein bis zwei
Särge vorhält - man kann ja nie wissen - werden diese auch als Lagerraum für Kartoffeln benutzt und so kann es durchaus passieren, daß statt dem Opa die Kartoffeln beerdigt werden, weil man ja auch nach ein paar Wochen nicht mehr den Sarg aufmachen mag - das Leben im Moor ist wirklich hart und es gilt der Satz: „Den Eersten sien Dood, den Tweeten sien Noot, den Drüdden sien Broot“ - man braucht also drei Generationen, bis man sein Auskommen hat.

Geistlichen Beistand gibt es nur in Osterholz, was für den normalen Torfbauern vier Stunden Kahnfahrt hin und vier Stunden Kahnfahrt zurück bedeutet. Der Gottesdienst dauert dann noch einmal zwei Stunden und das Wort Gottesdienst bekommt hier eine sehr wörtliche Bedeutung. Die geistliche Situation wird erst 1756 besser, als der König von Hannover den Worpswedern eine Kirche und ein Pfarrhaus bauen läßt und auch dafür sorgt, daß jemand zu den armen Teufeln im Moor kommt und sie tröstet, denn sie dürfen ja immer noch nicht das Land verlassen. Doch nun ist der Sonntag wirklich zum Ruhetag geworden. In die neue Kirche nehmen die Worpsweder die Grabplatten aus Osterholz mit und stellen sie vor der neuen Kirche auf (auffällig oft findet sich auf ihnen der Name Behrens - eine Moorbauernfamilie, die es damals schon zu etwas gebracht hatte und sich Grabplatten leisten konnte).


Sparsam waren die Worpsweder Großbauern schon - die Steine sind von beiden Seiten beschriftet.

In diese einsame Gegend kommen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein paar Verrückte, faseln etwas von "hohem Himmel" oder "weitem Land", können sich über Wolkenformationen begeistern und sitzen stundenlang an den Kanälen mit einer Staffelei um etwas zu malen, was man sowieso dauernd sieht. Den Torfbauern ist das ziemlich unverständlich, vor allem, weil es immer mehr Verrückte gibt, die offenbar so viel Zeit haben, daß sie stundenlang malen können und nicht arbeiten müssen. Da der Weg nach Bremen immer eine Tagesreise beträgt und regelmäßige Verbindungen, z.B. über Postkutschen, noch nicht existieren, ist man gerne bereit diesen Verrückten für ein angemessenes Geld eine Kate zu überlassen und ihnen Lebensmittel zu überteuerten Preisen zu verkaufen. Da liegen die Anfänge des Moortourismus und es sind Maler, die sich als erste für eine längere Zeit einmieten und etwas malen, was ein Torfbauer als Schwachsinn empfinden würde, ein Städter dagegen als Idylle empfindet.

So ungefähr kann man die Diskrepanz zwischen den Bauern und den Künstlern beschreiben, als Fritz Mackensen 1884 als erster Landschaftsmaler die Gegend um Worpswede als Motiv entdeckt und malt. Seine Studentenfreundin Mimi Stolte, die Tochter des örtlichen Kaufmanns, kommt aus Worpswede und hat ihm - nicht ganz uneigennützig - empfohlen, sie dort doch mal zu besuchen, dann könne er sich doch mal wieder satt essen. Mackensen kommt auch zu Mimi Stolte, ißt dort regelmäßig (eine damals nicht unübliche Form der Förderung) und bleibt im Prinzip gleich da, denn er mietet sich den Sommer über bei Behrens ein (die reiche Familie  mit den Grabplatten vor der Kirche) und ab 1895 wohnt er bis zu Lebensende dort und das Kaufhaus Stolte gibt es heute noch.


oben: Stichkanal als Wasserableitung (die Bäume muß man sich wegdenken, die gab es vor 100 Jahren nicht)

unten: Stichkanal als künstlerische Impression

Otto Modersohn (1865-1943):  Abend am Moorkanal (um 1894), Öl auf Malkarton, Privatbesitz
mit freundlicher Genehmigung des Otto-Modersohn-Hauses, Fischerhude




Mackensen ist damals halbwegs erfolgreicher Kunststudent an der Düsseldorfer Kunstakademie und begeistert seine  Kommilitonen (Mitstudenten) Otto Modersohn und Fritz Overbeck für den einsamen Ort im Moor. Ab 1885 wohnt er in Worpswede (zur Freude Mimis, die wohl jahrelang halbwegs erfolgreich in ihn verliebt war) und 1889 folgen ihm Otto Modersohn und Hans am Ende. 1894 kommen noch Heinrich Vogeler und Carl Vinnen dazu. Die dort wohnenden Maler beschließen nun, eine "Künstlerkolonie" ins Leben zu rufen, hier zu wohnen und zu malen und - mit ein bißchen Glück - den Städtern ihre Natur- und Landschaftsbilder anzubieten und vom Bilderverkauf zu leben.

Noch später, ab 1900, kommen zwei Studentinnen von Fritz Mackensen dazu (Paula Becker und Clara Westhoff) oder Lyriker wie Rainer Maria Rilke und auf einmal ist ein Freundeskreis entstanden, der  in Ehen und Familien aufgeht: Rainer Maria Rilke und Clara Westhoff (Rilke-Westhoff) heiraten, Paula Becker (Modersohn-Becker) und Otto Modersohn ebenfalls,  Vogeler heiratet die Worpsweder Lehrerin Martha Schröder, kann nach seiner Hochzeit von seiner Kunst gut leben, baut sich von seinen Bilderverkäufen und Auftragsarbeiten (viele Buchillustrationen) mehrere Häuser und auf einmal ist Worpswede ein internationaler Begriff für neue Malerei.

Gemalt, in Stein und Holz gehauen, gegossen und installiert wird hier heute immer noch, allerdings dominieren nun Gebrauchsgrafiker, Kunstgewerbebetriebe und die Tourismusindustrie. Wer  aber
hierhin und nach Bremen kommt, kann die alten Worpsweder Künstler in einer Vielfalt sehen, die es so nirgends sonst gibt und von Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und einigen anderen gibt es heute noch Nachkommen, die viel zu erzählen haben - alte Worpsweder Einwohner sind eine unerschöpfliche Quelle. - Weiter

Heinrich Vogeler (1872 - 1942)

Der Barkenhoff
Heinrich-Vogeler-Museum
(Wohnhaus von Heinrich und Martha Vogeler)
Ostendorfer Str. 10
27726 Worpswede
Tel.:
+49
4792 - 39 68
http://www.barkenhoff-stiftung.de

Haus im Schluh
Heinrich Vogeler-Stiftung
(späteres Wohnhaus von Martha Vogeler)
Im Schluh 35-37
27726 Worpswede
Tel.:
+49 4792 - 522 und 95 00 61
http://www.haus-im-schluh.de


Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907)

Große Kunstschau Worpswede
Lindenallee 5
27726 Worpswede
Te.:
+49 4792 - 13 02
http://www.grosse-kunstschau.de

Friedhof Worpswede
(Gräber von Fritz Mackensen, Paula Moderson-Becker)
Bergstr/Ev. Kirche
27726 Worpswede

Paula Modersohn-Becker-Museum
Museum im Roselius-Haus
Böttcherstraße 6–10
28195 Bremen
Telefon: +49 421 33882-22;
http://www.pmbm.de


Kunsthalle Worpswede
Bergstr. 17
7726 Worpswede
Tel.: 0 47 92 - 12 77
http://www.worpsweder-kunsthalle.de


Hans am Ende (1864 - 1918)
Otto Modersohn (1865 - 1943)

Otto-Modersohn-Museum
In der Bredenau 95
28870 Fischerhude
Tel.: 0 42 93 - 328
http://www.modersohn-museum.de 




Literatur zum Einlesen
:
(wenn man das erste Mal nach Worpswede fährt  )
Anna Brenken, Fritz Dressler: Worpswede und das Teufelsmoor. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2003, SBN 3-8319-0135-X

Literatur zum Nachlesen (wenn man Worpswede schon gut kennt)
Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman. KiWi 1218, Kiepenheuer & Witsch 2011, ISBN 978-3-462-D4342-6

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Teufelsmoor
http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Mackensen
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Vogeler
http://de.wikipedia.org/wiki/Hamme_(Fluss)
http://www.kaufhaus-stolte.de/presse/wk09011994.pdf