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Kulturgeschichte - Spätrenaissance - Venedig


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Venezianische Geschichte ab ca. 1600
von Martin Schlu 2002/2011


Gabrieli in Venedig - Stadtteil San Marco

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Venedig zwar schon im wirtschaftlichen Abstieg begriffen, allerdings immer noch das kulturelle Zentrum und der kulturelle Motor für ganz Europa. Musiker aus ganz Europa kamen hierhin und suchten Inspiration oder die Ausbildung bei berühmten Künstlern wie Gabrieli oder Tizian . Italienische Musiker waren die Stars an den Hofkapellen und später in den Opern und wurden überall wesentlich höher bezahlt als die heimischen Künstler - diese wiederum konnten hoffen, mehr zu verdienen, wenn sie eine Ausbildung in Venedig vorweisen konnten, wie z.B. Heinrich Schütz bei Gabrieli und Monteverdi.


Bild: Venedig, Ansicht vom Canal Grande mit dem Campanile bei San Marco,
Foto: © Martin Schlu 2009


Damit entwickelte sich eine Strömung, die schon ab ca. 1570 eingesetzt hatte und die bis dahin musikalisch führenden "Niederländer" (z.B. Palestrina oder Willaert) aus ihren Vorbildfunktionen verdrängte. Nicht mehr der niederländische Stil mit seiner horizontal verflochtenen Polyphonie war nun gefragt, sondern die vertikalen Akkordblöcke korrespondierender Chöre der "coro spezzati". Der Glanz Venedigs sollte stilbildend werden für mehrchörige Motetten bis noch zu Bachs Zeit ( z.B. die Motette "Komm, Jesu, komm" oder die Matthäuspassion). Deutlich wurde dies zuerst in den Nachbarstaaten Venedigs: 1596 gründete der Erzherzog Ferdinand in Craz seine Hofkapelle neu und besetzte sie ausschließlich mit italienischen Sängern, Instrumentalisten, einem italienischen "maestro di capella" (Kapellmeister) und er stellte einen italienischen Komponisten ein. 1619 wurde Ferdinand nach dem Tode des alten Kaiser Matthias zu seinem Nachfolger in Wien ernannt und mußte fortan dort leben. Die Hofkapelle nahm er mit und baute sie als nunmehr kaiserliche Hofkapelle aus. Sie wurde in der Folgezeit geleitet von Giovanni Priuli, einem Gabrieli-Schüler, Giovanni Valentini (Hofkapellmeister v. 1629-1649), ebenfalls ein Gabrieli-Schüler sowie Antonio Bertali (Hofkapellmeister v. 1649-1669). Die nach Gabrielis Tod 1612 gefundenen frühbarocken Sonaten und Canzonen waren 1615 unter dem Titel "Canzoni e Sonate" posthum veröffentlicht worden und galten lange Jahre als Pflichtlektüre für Komponisten, die 1597 erschienene Sammlung "Symphoniae Sacrae" war es sowieso und noch Heinrich Schütz widmete seinem Lehrer Gabrieli eine groß besetzte Sammlung mit dem Titel "Sacrae Symphoniae", nachdem er Karriere bei Christian IV. von Dänemark gemacht hatt, aber wieder ins Kirchenfach gewechselt war. Gerade bei Schütz sieht man übrigens, wie er venezianisch anfängt und - als alter Mann gegen Ende des 30-jährigen Krieges puristisch-minimalistisch komponiert, weil der größte Teil von Chor und Orchester im Krieg umgekommen sind (aber das ist eine eigene Geschichte).

Ebenfalls in Gabrielis Tradition steht noch Giovanni Battista Buonamente, als kaiserlicher Kammermusiker und Komponist in der Wiener Hofkapelle, dessen Sonaten den Gabrieli-Stil ziemlich getreu kopieren, wie auch Massimiliano Neri, der - wie Gabrieli - zwölfstimmig schreibt (zwei mal sechs und drei mal vier Stimmen ergeben zwei- und dreichörige Möglichkeiten), der seine Sonaten-Ausgabe von 1651 Kaiser Ferdinand III. widmet und offenbar als Gegenleistung von ihm geadelt wurde (eine Tradition, die auch bei Beethoven noch hervorragend funktionierte, als er 1800 Maria Theresia eine Komposition widmete um ins kaiserliche Musikgeschäft zu kommen). Weitere italienische Musiker finden sich am Düsseldorfer Hof (Biagio Marini) , am Bonner Hof (später allerdings wieder eingespart, z.B. durch Beethoven abgelöst, weil der billiger war) und in München sind sie seit Orlando di Lasso sowieso ständige Gäste.

Das Interessante des "venezianischen" Stils ist die Klangpracht der verschiedenen Chorgruppen: hoher Chor gegen tiefen, Streicher gegen Bläser, Posaunensatz mit Zinken (Cornetti) gegen Fagotti, Violen und Oboen. Am Ende der Spätrenaissance und zu Beginn des Frühbarocks experimentieren die Kapellmeister mit drei und vier Chören, der Höhepunkt wird mit einer Komposition von Oracio Benvenoli zu fünf Chören in 23 Stimmen erreicht. Andere Komponisten schreiben - das ist neu - ausdrücklich die Besetzung vor. Hat Gabrieli erst 1612 in einer Sonate drei Cornetti und Violen vorgeschrieben und den größten Teil der allgemeinen Aufführungspraxis überlassen, sieht es bei anderen Komponisten schon wesentlich differenzierter aus: Monteverdi benennt in seinem "L'Orfeo" von 1607 die Instrumente schon relativ oft, Buonamente verlangt 1636 ausdrücklich Violine mit Laute (als Generalbaß) gegenüber vierstimmigen Bläsersatz (Zink und drei Posaunen) und Bertali verlangt ausdrücklich zwei Violini mit einer Posaune ("violini e trombone") - verständlich nur, wenn man weiß, daß die Renaissance-Posaunen durch ihre engmensurierte Bauart und ihr kleines Schallstück auch in hoher Lage extrem leise zu spielen sind, eine Voraussetzung, die die modernen Instrumente heute nicht mehr erfüllen.

Aus den Tutti-Bläsern werden im Laufe der Jahre Virtuosen, für die die Komponisten regelrechte Bravourstücke schreiben und damit die Grundlage des Solokonzertes legen. Monteverdis"L'Orfeo" hat exponierte Partien für die Zinkenisten, Bertali schreibt virtuose Trompetenpartien mit Orgel, Daniel Speer treibt die Posaunisten mit seinen Läufen fast zur Verzweiflung - man kann aufgrund der Kompositionen sehen, wie gut die Instrumentalisten waren, die dem Orchester zur Verfügung standen. Bekanntes Beispiel aus dem Spätbarock ist der Star-Trompeter Bachs, Gottfried Reiche, der stilecht an einem Lungenriß starb, den er sich beim Blasen in den höchsten Obertönen zugezogen hatte und dessen Kompositionen bei Naturtrompetern auch heute noch gefürchtet sind.

Nach Auflösung der großen Kirchenorchester an San Rocco und San Marco und nach dem Abstieg der Serenissima entstehen die privaten Orchester - allerdings auf Streicherbasis. Die Bläsertraditionen werden ab ca. 1650 unmodern und gehen zugunsten der Streicher unter und seit dem Spätbarock beherrschen andere Namen die venezianische Szene. Einer der bekanntesten venezianischen Violinstars wird Antonio Vivaldi, doch seinen Lebensabend verbringt er in Wien, stirbt dort und wird auch dort begraben. Sein Grab ist aber nicht mehr zu finden, denn an dieser Stelle - in Nachbarschaft zur Karlskirche - wurde die Naurwissenschaftliche Fakultät der Wiener Uni gebaut. Vivaldi war offensichtlich nicht mehr bekannt genug um den Fortbestand seines Grabes zu rechtfertigen.

Wenn man heute nach Venedig kommt, stolpert man bei jedem zweiten Plakat über ein professionelles Ensemble ("Interpreti Veneziani"), die ein vermeintlich venezianisches Programm jeden Abend spielen - für die Touristen taugt es zwar noch, doch die wichtige venezianische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts wird heute woanders gespielt und eine traditionelle Kirchenmusik findet nicht mehr statt.

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