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Kulturgeschichte - Mittelalter - Die Hanse - Überblick

 


Mittelalter
Hanse

Lübeck
Wismar
Rostock
Stralsund
Danzig -
Bergen

Literatur

Entwicklung der Hanse
zusammengestellt von Martin Schlu, April 2006/Juli 2014
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Lübeck (1143)  Mehr zu Lübeck - Köln 1160 - Visby1161 - Brandenburg/Havel 1170 -  Nowgorod 1180) - Bergen 1200 - Danzig 1224) -  Berlin/Cölln 1230 -  London 1137 - Brügge 1252 - Wismar 1264 - Rostock 1264 - London 1266 - Stralsund 1283 - Situation um 1370 - Situation um 1400 - Klaus Störtebecker Niedergang um 1600

 
Lübecks alter Hafen mit Speicherhäusern, Foto: Martin Schlu © 2006

Schon vor dem 12. Jahrhundert wird der Begriff "Hanse" von niederdeutschen Kaufleuten geprägt, die sich zu einem Bund zusammengeschlossen haben um den Gefahren durch Wetter und Piraten gemeinschaftlich besser begegnen zu können ("Hanse" bedeutet "Gemeinschaft"). Ausgehend von Lübeck entsteht ab dem 12. Jahrhundert ein Handelsnetz über Rostock, Visby, Regal und Riva nach Nordosten bis Nowgorod, nach Norden bis Bergen, nach Westen über Hamburg, Bremen und Brügge nach London und Lissabon, über die Nordsee in den Rhein nach Köln bis Straßburg, über die Weser und die Ems in den Hellwegraum (das heutige Ruhrgebiet) und bis Preußen und Polen. Noch heute verlaufen die A 4 und A 40 auf den historischen Trassen. Später sind bis zu zweihundert Städte Mitglieder in diesem Kaufmannsbund deutscher Seefahrer.
 
Natürlich wird bereits lange vor der Hanse international gehandelt: Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert ist der Handel durch die Wikinger nachweisbar und daß diese bis Amerika vorgedrungen sind, ist auch seit längerem belegt. Auch vor dem 12. Jahrhundert wird im Ostseeraum gehandelt, einerseits auf Gotland, andererseits in Schleswig und an einem Ort nördlich von Lübeck, Haithabu, ein Ort an einem See mit Zugang zur Ostsee und damit zu den Handelsmöglichkeiten ins Baltikum. Weil dieser Ort aber zu oft überfallen wird und man andererseits der Stadt Schleswig nicht das Handelsmonopol im Ostseebereich überlassen will, wird die Stadt Lubeke 1143 auf einer fast verlassenen Halbinsel (Buku) zwischen Trave und Wakenitz neu gegründet. Bereits vor 1143 handelte man schon das in Lüneburg gewonnene Salz, die in ihm - oft vor Rügen - gefangenen und an Bord eingelegten Heringe und damit verbunden auch die Tonnen und alles Zubehör, das man für den Seetransport brauchte.
 
Seit Lübeck neu gegründet und mit Stadtrechten ausgestattet ist, wird die Stadt erster Handelsplatz direkt an der Ostsee und damit hochinteressant für Handler aus Westfalen und Niedersachsen, die nur noch bis Lübeck liefern müssen und ihre Waren dort verkaufen können. Nachdem 1160 das Erzbistum von Oldenburg nach Lübeck verlegt wird und damit die Stadt außerdem ein geistliches Zentrum hat, garantiert Heinrich der Löwe 1161 als Schutzherr von Lübeck freien Handel und rechtliche Sicherheit für alle Kaufleute, die in die Stadt kommen. Der Boom Lübecks beginnt nun und die Stadt wird so reich, daß sie um 1400 als reichste Stadt Deutschlands gilt. Seitenanfang
 
 
 
Lübecker Innenstadt heute, Spuren des Reichtums sind immer noch genug vorhanden. Foto: Martin Schlu © 2006
  
Links zur Hanse:    am 20. Juli 2014 gültig:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hanse
Der Schiffstyp, mit dem der Aufstieg der Hanse möglich wird, ist der (nicht "die") Kogge, eine hochbelastbar und schwer beladbare Konstruktion, die etwa 200 Tonnen Ladung tragen kann (entsprechend 100 „Last“) und die die skandinavischen Schiffe im Welthandel verdrängt, weil die maximal nur ca. 25 Tonnen (ca. 12 Last) befördern können, die Wikingerschiffe sogar nur etwa 9 Tonnen, weil sie eine offene Bauweise haben. Details zur Bauart des Koggen ergaben sich aus dem Fund eines noch nicht vom Stapel gelaufenen schiffs, das um 1380 bei der Sturmflut von einer Bremer Werft mitgerissen wurde und knapp 600 Jahre später, 1962, in Bremerhafen, vier Kilometer weit entfernt aus dem Weserschlick gegraben wurde. Die gefundene Überreste eines Koggen lassen die Maße und das Aussehen des einmastigen Transportseglers genau rekonstruieren: die Länge betrug ca. 24 Meter, die Breite ca. 7,50 Meter, Ladehöhe waren ca. 3,20 Meter. Der Tiefgang konnte bis zu 2,80 Meter betragen und das Eigengewicht lag bei ca. 120 Tonnen, die Nutzlast dementsprechen zwischen 120 und 240 Tonnen (alte Angabe: 60 bis 120 "Lasten" =  2 Tonnen).  Nach den gewonnenen Erkenntnissen wurde 1987 mit dem Nachbau begonnen und nach vier Jahren Bauzeit kam es 1991 zur Jungfernfahrt auf der Ostsee. Bis 1999, als man vor der Insel Poel bei Wismar einen noch größeren Koggen fand, den man auf 1354 datieren konnte, galt dieses Wrack als einziger erhaltener Schiffstyp. Dieser Wismarer Koggen wurde in Schwerin konserviert und ein im Juli 2004 begonnener Nachbau kann im Wismarer Hafen besichtigt und über den Verein "Poeler Kogge" auch für Schulfahrten gebucht werden.

Links zur Kogge:    am 20. Juli 2014 gültig:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kogge
http://de.wikipedia.org/wiki/Bremer_Kogge
http://www.radiobremen.de/wissen/geschichte/hansekogge/hansekogge110.html http://www.radiobremen.de/fernsehen/buten_un_binnen/video41132-popup.html
http://www.hanse-koggewerft.de/html/historie.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Poeler_Kogge

 
Köln (1130) Seitenanfang
Köln ist schon immer  eine Kaufmannsstadt gewesen, denn es liegt an der Kreuzung der alten römischen Nord-Süd-Verbindung vom Meer nach Frankfurt/Süddeutschland und der West-Ost-Verbindung von Aachen (Brüssel) nach Dresden (Wroclaw/Breslau und Czestochowa/Tschenstochau). Später werden dies Wallfahrtswege zu diversen heiligen Orten, Köln wird als „Heilige Stadt“ auch Ziel von Wallfahrern u. a. auch Sammelpunkt mehrerer Kreuzzüge. Als Autofahrer kennt man das  „Kölner Kreuz“ , den Schnittpunkt von A 1,  A 4,  A 3 und ein paar anderen Autobahnen. Die Kölner sind also seit Jahrhunderten auf Tourismus eingestellt und leben bis heute gut von ihnen.

Bereits im frühen Mittelalter wird Handel getrieben: Die Skandinavier fahren den Rhein hinauf und bieten Stockfisch an (das katholische Köln braucht am Freitag immer Unmengen Fisch) , Felle, Bauholz (für die Kirchen und Bürgerhäuser) und Mitbringsel aus den Nordstaaten wir Bernstein, Silber und alles, was sie von anderen Handelspartnern gekauft haben. Außerdem hat Köln für lange Zeit das Weinmonopol (was im Nachhinein etwas unverständlich ist, denn der Kölner an sich ist nicht gerade für seinen Wein berühmt, sondern eher für sein Kölsch), aber dadurch wird die Stadt sehr reich. Wein und Bier werden vor allem nach England und Rußland exportiert - auch eine Sache, die bis heute andauert. Als die Lübecker 1137  mit ihrer neugegründeten Hanse dort ankommen und London zum Mitmachen auffordern, müssen sie zur Kenntnis nehmen, daß es eine Hansebeteiligung Londons ohne Köln nicht gibt - die Kölner haben durch ihre jahrhundertelange Handelserfahrung einfach die größere Erfahrung und die Londoner Kaufleute haben die Kölner Strukturen der „Gilde“ bereits übernommen. Die Lübecker sind einfach zu spät.

Um den Handel nach England noch besser zu organisieren, kaufen die Kölner Kaufleute 1157 nach der „Guildhall“ einen Handelsplatz unweit des Tower, den „Stalhof“, und bauen ihn sozusagen als Kölnische Botschaft in London aus.

Konrad von Hochstaden, Erzbischof von Köln, gewährt der Stadt Köln am 7. Mai 1259 das „Stapelrecht“, was bedeutet, daß alle ausländischen Kaufleute, die über Köln reisen, ihre Waren in Köln anbieten müssen, außer sie zahlen einen Strafzoll. Diese Entwicklung führt dazu, daß Köln eine große Messestadt wird und es bis heute geblieben ist und es hat Auswirkungen bis heute, weil die Kölner immer noch offen und tolerant gegen allen anderen Ausländer sind, solange sie in Köln wohnen (nur nicht gegen Menschen aus Düsseldorf oder Bonn).
 
1576 erhält der Syndicus der Hanse, Heinrich Sundermann, den Auftrag die Geschichte der Hanse aufzuschreiben, weil dem in England erstellten hansekritischem „Compendium hanseaticum“ eine hansefreundlichere Sicht gegenübergestellt werden soll. Dummerweise gibt es aber keine offizielle Gründungsurkunde und so bleibt die ganze Sache ein Fragment. Weil aufgrund der Kriegsgefahr die Stadt Antwerpen nicht mehr das Archiv der Hanse beherbergen soll, wird von 1551 bis 1594 der größte Teil der Hanseakten ins Kölner Stadtarchiv überführt und bleibt dort auch über 400 Jahre liegen, bis das Archiv durch den Neubau der U-Bahn im Frühjahr 2009 einstürzt. Nach heutigem Wissensstand (Juli 2014) liegen die endgültigen Verluste bei knapp unter 10% - man hat sozusagen noch mal Glück gehabt, oder - wie der Kölner sagt: „et hätt noch schlimmer kumme könne...“
(Quelle dazu: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5. Juli 2009; S. 58, weitere Presseberichte von 2009 - 2014)

Links zu Köln    am 20. Juli 2014 gültig:
http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_K%C3%B6lns#Die_Freie_Reichsstadt_K.C3.B6ln

London (1137) mehr von London -  Seitenanfang
Als die Lübecker Hansekaufleute 1137 nach London expandieren wollen, müssen sie feststellen, daß die Rheinländer schon da sind, denn die Kölner Kaufleute haben schon seit dem 11. Jahrundert Handelsbeziehungen dorthin, haben ihr Handelsprivileg seit 1130 verbrieft, haben in absolut zentraler Lage ihren Handelsplatz (Nähe der Brücke) und sind genauso in Gilden organisiert wie die Engländer. Wenn die Lübecker im englischen Handel mitmischen wollen, müssen sie sich den Kölner Spielregeln unterwerfen, was sie auch zähneknirschend tun - Geschäft ist Geschäft.


London 1266 Mehr zu London - Seitenanfang
1266 oder 1267 gewährt Heinrich III. den Lübecker und Hamburger Kaufleuten Privilegien. Dafür müssen sie ein Stadttor und die Stadtbefestigungen instand halten und im Kriegsfalle  ihre Schiffe bereitstellen. Als Privileg wird den Kaufleuten Steuerfreiheit gewährt, außerdem sollen sie noch den König im Kampf gegen das Parlament unterstützen. 1282 taucht der Begriff der deutschen Hanse 
mercatores de hansa Alemaniae
(Kaufleute der deutschen Hanse, zit nach Hammel-Kiesow, 27)
erstmalig in einer englischen Urkunde auf (was natürlich bedeutet, daß dort nur ein status quo beschrieben wurde und die ganze Sache schon länger dauert). Die deutschen Kaufleute kaufen vorwiegend die Wolle der Schafe und das Schaffleisch - offenbar bewirkt das englische Gras eine bessere und weichere Qualität. Sie liefern dafür unter anderem russische Felle, die nun wieder im englischen Adel modern werden - zeigen sie doch den Reichtum und damit die Macht des Trägers. Die Hanse organisiert im Gegenzug auch die Verarbeitung der englischen Wollen in flandrische Betriebe zu Tuch, verkauft dieses ebenfalls international und macht damit einen neuen Geschäftszweig auf: Handel mit Fertigwaren. 

Links zu London/zum Stalhof    am 20. Juli 2014 gültig:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stalhof
 
Visby/Gotland (1161) Seitenanfang
Nach den ersten Handelserfolgen mit der neuen Stadt expandiert Lübeck und die Kaufleute gründen 1161 eine Niederlassung auf der Insel Visby/Gotland (heutiges Schweden), die erste von vielen weiteren Filialen. Nun wird Visby nicht nur von den Hanse-Kaufleuten genutzt, auch russische, dänische und schwedische Kaufleute handeln dort miteinander als Gleiche unter Gleichen. Gehandelt werden Kupfer und Eisenerz aus Schweden, Heringe aus Schonen (Schweden), Salz und Werkzeug aus Lübeck und alles, was über das Rheinland und Niedersachsen kommt. Das geht knapp 200 Jahre gut, bis 1361 der dänische König Waldemar Atterdag Visby besetzen, annektieren und ausrauben läßt und damit einen Krieg vom Zaun bricht, der erst 1370 beendet werden kann. (Friede von Stralsund 1370). Da Visby einige Jahre später Zufluchtsort für Klaus Störtebeker wird, haben die Hansemächte natürlich allen Grund die Insel öfter zu besuchen.
 
 
 Nowgorod (1180) Seitenanfang
Weil Visby als Niederlassung aber erst einmal recht gut funktioniert hat, ist es nur logisch, daß die Hansefahrer weiter expandieren, ab ca. 1180 nach Nowgorod fahren und 1184 dort den nächsten Stützpunkt einrichten. Hier wird das Salz gegen - für die Russen fast wertlosen - Pelze gehandelt, ein gutes Geschäft, denn Pelze aus Sibirien gibt es dort im Überfluß, in Lübeck dagegen können sie teuer verkauft werden und Pelzmode wird ab sofort ein Statussymbol des Wohlstandes - also wird die Nachfrage größer und der Preis entsprechend höher. Nebenbei steigt der Salzpreis und so verdienen die Lübecker doppelt. Später kommen die deutschen Kaufleute auch auf die Idee, den Russen das Wachs abzuschwatzen, das bei der Herstellung von Honigmet anfällt - damit hat man auch das Kerzenmonopol und verdient gut an den Kirchen. 1191 oder 1192 darf die Hanse in Nowgorod ihren eigenen Hof errichten, den St. Peter-Hof, ein Handelshaus am Markt. Dort werden Gewürze, chinesische Stoffe, Apothekerwaren und Weihrauch gekauft und flämische Stoffe, Metalle, Silber und Salz geliefert. Das erste Handelskontor (heute vergleichbar einem Freihafen) ist damit gegründet, weitere werden folgen. Das Schema ist immer gleich: der Landesherr garantiert freien Handel, rechtliche Sicherheit und Verkehrsanbindung, dafür wird er am Gewinn beteiligt. Natürlich kommt es zwischen Russen und Deutschen immer mal wieder zu Streitigkeiten, aber meistens einigt man sich. Selbst die Besetzung durch den Deutschen Orden und die Niederlage, die Alexander Newski daraufhin den Deutschen beibringt, ändert nichts daran - schlimmer sind die Handelssperren, die in Nowgorod ab und zu verhängt werden.
 
 
Bergen (1200) - mehr zu Bergen - Seitenanfang



Bryggen, Teilansicht Foto: Susanne Coburger-Schlu 2003
 
Nach Nowgorod wird um ca. 1200 das nächste Handelskontor im norwegischen Bergen gegründet. Es trägt über Jahrhunderte den Namen "Thyske Brügge", also 'deutsche Brücke' und kennzeichnet damit die Wichtigkeit der Handelsbeziehungen. Vor allem gehandelt wird der getrocknete "Stockvis", hervorragend als Schiffsproviant und Lagerware geeignet, weil er jahrelang haltbar ist und da ein guter Katholik an 140 Tagen im Jahr Fisch als Fastenspeise essen soll, ist der Absatz auf ewig gesichert. Die Reisezeit zwischen Lübeck und Bergen kann zwar - je nach Wetter- und Windlage - zwischen einer Woche und zwei Monaten differieren, aber es werden regelrechte Liniendienste eingerichtet, so daß es zu einem regelmäßigen Schiffsverkehr und einer kontinuierlicher Fischlieferung kommt. 1343 werden die Privilegien der "dudesche hense" vom norwegischen König bestätigt, nachdem das Bergener Kontor schon lange bestand.
 
Relativ schnell wird in Bergen eine Ausbildungsschule für die deutschen Kaufleute gegründet, die einen Teil ihrer Lehrjungen dorthin schicken, damit aus ihnen etwas Rechtes wird und die Buben erste Auslandserfahrung sammeln. Auf die Weise ist auch einer meiner Urahnen um 1577 nach Bergen gekommen, dort Hansefahrer geworden und 1624 in Rostock an der Pest gestorben (Jochim Schlu).
 
Nachdem der Handel in Bergen gut angelaufen ist, kontrollieren die deutschen Kaufleute den norwegischen Hafen und damit die Zolleinnahmen, stellen ein Drittel der Stadtbevölkerung und leben weiter in der "Bryggen" und natürlich gibt es dort auch deutsche Kirchen wie z.B. die Marienkirche und Martinikirche (auf der mein Urahn nach ca. 1577 als Organist tätig war).
  
Danzig (1224) Mehr zu Danzig - noch mehr zu Danzig - Seitenanfang

Der Danziger Hafen wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und wurde originalgetreu rekonstruiert.
Bei näherem Hinsehen sieht man, welche Häuser alt sind und welche neu gebaut wurden.
Foto ©Martin Schlu, 2009
Der nächste Schritt der Hanse ist der Ausbau der Ostseestädte, damit das Handelsnetz engmaschiger wird und so wird Danzig 1224 der nächste wichtige Stützpunkt, als die Stadt das "lübische" (von Lübeck) Recht übernimmt und  damit als Handelspartner verläßlich und berechenbar wird. Danzig liefert vor allem Getreide und Holz aus dem Hinterland der Pruzzen, das vom Deutsche Orden kontrolliert wird. Dieses Hinterland gilt als die Kornkammer Osteuropas. Über 1000 Schiffe laden um 1300 das kurländische Getreide und bringen es zu den anderen Handelshäusern. 1308 fällt die Stadt endgültig an den deutschen Orden und wird nun von der Marienburg ca. 50 km südlich regiert. In der Renaissance wird die nun polnische Stadt reich und mächtig, so mächtig, daß es zu ernsten Probleme mit den regionalen Königen kommt, denn freie Reichsstädte müssen sich nicht unbedingt an die Gesetze halten, die ein - regionaler - König beschließen läßt. Es ist ein bißchen so wie heute bei einem multinationalen Konzern, der seine Niederlassung dorthin ausbaut, wo die Gesetze passend erscheinen. Freier internationaler Handel sorgt also für innenpolitische Spannung. Die Stadt bleibt bis zu der Auflösung der Hanse 1661 in dem Städtebund, auch wenn der Landesherr mal deutsch, mal schwedisch, mal polnisch ist. Der erste Hansetag in Danzig findet 1373 statt, es bleibt nicht der einzige.
 

 
Brügge (1252)  - Seitenanfang

Ansicht vom Rozenhoedkaai, einer Anlegestelle, von der im später Mittelalter Rosenkränze aus Bernstein oder Elfenbein verkauft wurden - alles von der Hanse gehandelt. Foto: © Martin Schlu 2009
Das Zentrum der Tuchmacher ist das flandrische Brügge, das nach der Sturmflut 1134 einen direkten Seezugang und eine geschützte Hafenlage hat und daher international angefahren werden kann: es gibt Schiffsverbindungen zu den Nordländern, aber auch nach Venedig oder Genua. Also kann man in Brügge alles kaufen, was in Europa gehandelt wird: polnisches Getreide und niederländisches Gemüse genauso wie englisches Tuch (Kleidung), deutsche Waffen und belgischen Hausrat, Gewürze aus dem Levantehandel Venedigs, deutschen Wein aus dem Rheinland und deutsches Bier bis zum norwegischen Stockfisch und den russischen Pelzen. Als Margarete II. von Flandern den deutschen Kaufleuten, die von Osten kommen (und daher als "Osterlinge" bezeichnet werden) Handelsprivilegen einräumt, wird Brügge nach Nowgorod, Bergen und London im Jahre 1252/1253 zum vierten Kontor der Hanse. Deutsche Kaufleute aus Lübeck, Hamburg, Aachen, Köln, Dortmund, Münster und Soest richten ihre Kontore ein. Weitere Außenstellen werden später Gent und Antwerpen, denn als die Brügger Stadtregierung die Handelsgesetze so einengt, daß der freie Handel empfindlich gestört wird, wird Wirtschaftskraft aus der Stadt abgezogen und ein Teil der Zentrale nach Antwerpen verlegt - ein Lehrstück für manche EU-Regelung. (Entwicklung der Niederlande)
 
Wismar (1264) - Mehr zu Wismar Seitenanfang
Das ab 1226 planmäßig angelegte Wismar wird mit der Hilfe Lübecker Bürger gebaut und die geltenden Lübecker Gesetze werden bei der Stadtgründung 1229 vollständig übernommen. 1264 wird der Hanse-Vertrag zwischen Wismar, Lübeck und Rostock geschlossen und Wismar damit gleichberechtigter Handelsplatz. 1259 ist es erstmals Gastgeber einer Hanse-Versammlung, der "Tagfahrt") und 1266 wird das lübische Stadtrecht für Wismar bestätigt. Da die Stadt eine Neuansiedlung ist, kommen die Bewohner von überall her. Aufgrund der Lage wird Wismar als Handelsplatz vom dänischen König mit Privilegien ausgestattet, wie Lübeck vorher und damit die Stadt sicher ist, wird auf Kosten der Hanse eine vier Meter hohe Stadtmauer mit einem Umfang von drei Kilometern gebaut. Der Hafen liegt, wie bei Lübeck,  am Meer und die Stadt schließt sich unmittelbar an.
 
Da es einen Erbfolgekrieg um den Mecklenburger Herzog Albrecht III. gab, in dessen Verlauf Albrecht in Schweden gefangengesetzt wird, wissen sich die Wismarer 1389 nicht anders zu helfen, als Klaus Störtebeker und Gödeke Micheel Stadt und Hafen zu öffnen, damit die ihren Herzog Albrecht III. von Mecklenburg aus den Händen der Schweden befreien sollen. Die Hanse reagiert ausgesprochen verstört und Wismar wird fast ausgeschlossen ("verhanst"). Beim nächsten Kriegszug gegen Erich von Dänemark ein paar Jahrzehnte später sind die Wismarer aber wieder auf der richtigen Seite und müssen darum ab 1435 auch keine Steuern mehr zahlen.
 
Nach der Hansezeit gibt es für Wismar weitere Stationen im 30jährigen Krieg. Albrecht von Wallenstein wird 1626 der vom Kaiser neu eingesetzte mecklenburgische Herzog, und trägt etwas großspurig den Titel "Admiral der ganzen kasierlichen Schiffsarmada zu Meer wie auch des ozeanischen und baltischen Meers General". Damit er die Schweden besiegen kann, belagert er zunächste vergeblich Stralsund, baut danach eine kleine Flotte in Wismar auf, die  1628 knapp dreißig Schiffe umfaßt, doch das Seegefecht 1630 in der Wismarer Bucht geht für Wallenstein ungünstig aus und Wismar wird schwedisch. Beim Friedensvertrag zu Münster 1648 wird Wismar endgültig den Schweden zugesprochen, bleibt schwedisch bis 1703 und wird erst 1803 nach hundert Jahren Übergangszeit wieder deutsch. Die Regierungen wechseln, die Fischerei bleibt.
- mehr - nach Schweden
 
 
Der Hafen von Wismar heute, Foto: Martin Schlu © 2006
 
Rostock (1264) - Mehr zu Rostock Seitenanfang
Rostock liegt als Neugründung am Ufer der Warnow, ca. 12 km vom Meer entfernt und damit geschützt, aber uneingeschränkt schiffbar. Seit 1218/19 hat die Stadt lübische Stadtrechte, 1232 entsteht ein geistliches Zentrum zwischen Marien- und Nicolai-Kirche und seit 1251 ist Rostock ins Heringsgeschäft vor der schwedischen Küste (Schonen) eingestiegen. Bereits ein Jahr später, 1252, wird die Neustadt um die Jacobi-Kirche geplant und gebaut. Die Städte Lübeck, Wismar und Rostock schließen 1264 einen gemeinsamen Vertrag nach lübischem Recht und damit expandiert auch Rostock. Um 1290 beginnt der Bau der Stadtmauer, die Ansiedlung von Klöstern schafft zusätzliche Wirtschaftskraft und so kommt es, daß Dänemark ein Auge auf die Stadt wirft und als die Stadt zusammen mit Wismar Piraten Zuflucht gewährt, werden beide Städte "verhanst" und aus der Hanse geworfen. Dies passiert zwischen 1408 und 1416 noch einmal, diesmal allerdings wegen innenpolitischer Unruhen.
 
Die wirtschaftliche Macht der Hanse wird größer als die politische Macht, doch sie kann den Schutz ihrer Kaufleute nicht mehr überall durchsetzen, zumal die Dänen hundert Jahre später eine ernste Gefahr für den Ostseehandel werden. Die Stadtmauer kann die dänische Besetzung zwar nicht verhindern (anders als in Lübeck, wo sie über Jahrhunderte recht gut funktioniert hat), aber sie bleibt halbwegs intakt und heute sind die Rostocker froh, daß sie sie noch haben.
 
Stadtmauer in Rostock, ca vier Meter hoch, 400 Meter sind noch erhalten. Foto: Martin Schlu © 2006
 
Stralsund (1283) - Mehr zu Stralsund - Seitenanfang
Stralsund ist ursprünglich ein slawisches Fischerdorf, das 1234 das Stadtrecht bekommt und kurz danach, ähnlich wie bei den anderen Ostseestädten Wismar und Rostock, auch wirtschaftlich einen Aufschwung nimmt. Dieser Aufschwung scheint den Lübeckern aber zu stark zu sein, zumal Stralsund die Heringe vor Rügen selber fangen will, so daß die Lübecker 1249 die Stadt niederbrennen. Die Stralsunder bauen die verbrannten Holzhäuser ein zweitesmal auf. 1271 brennt die Stadt durch einen Stadtbrand ein zweitesmal nieder, doch erst beim dritten Stadtneubau verwendet man die typischen roten Backsteinziegel und verhindert damit weitere Feuersnöte. 1283 haben sich die Beziehung zwischen der Hanse und den neuen Städten auch so normalisiert, daß Stralsund und Greifswald dem Bund beitreten dürfen und 1293 schließt die Stadt mit Rostock, Wismar und Lübeck ein Schutzbündnis. Der Aufschwung verläuft so wie bei allen Städten, die bis Mitte des 14. Jahrhunderts der Hanse beitreten und sich "Seestädte" nennen dürfen. Nachdem Stralsund 1316 die umliegenden Feudalherren zurückschlagen kann, darf die Stadt danach auch umliegendes Land erwerben. Das Rathaus wird begonnen und 1350 fertig. 1368 nehmen die Stralsunder nach vorhergegangenen Auseinandersetzungen mit den Dänen mit 37 Koggen und 2000 Mann an einem regelrechten Feldzug der Hanse gegen die Dänen teil, landen bei Kopenhagen und zerstören die Stadt. Der dänische König Waldemar IV. muß 1370 im "Frieden zu Stralsund" die Hanse als Seemacht und die Eigenständigkeit der Stadt Stralsund anerkennen.
 
Das Rathaus und die Seefahrerkirche St. Nikolai gehen eine Symbiose ein, in der Kirche wird für Handel und Seefahrt gebetet, das Rathaus kombiniert Verwaltung und Gesetz und hat Platz für vierzig Läden rund herum - ähnlich wie heute die Einkaufszentren in den Innenstädten. Stralsund expandiert aufgrund seiner Lage nach Westen (Lübeck/Hamburg) und nach Osten (St. Petersburg) hat die legendären Heringsgründe vor Rügen direkt an der Haustür und gilt als zweitreichste Stadt nach Lübeck.
 

Alter Markt in Stralsund - der "Neue Markt " entsteht erst um 1500 und liegt ein paar Straßen weiter.  Foto: © Martin Schlu 2009
 
Nach 1600 wird Stralsund im 30jährigen Krieg noch einmal bedeutsam, als der mecklenburgische Herzog Graf Wallenstein die protestantische Stadt belagert und sie für die Kaiserliche Liga einnehmen will. Dadurch daß die - ebenfalls protestantischen - Schwden und Dänen die Stadt unterstützen, kann Wallenstein sie nicht einnehmen, zieht am 21. Juli 1628 wieder ab (heute noch gibt es jährlich die "Wallenstein-Tage" in Stralsund) und versucht sich in Wismar eine Flotte aufzubauen.
 
 
Klaus Störtebeker (1369) Seitenanfang
Klaus Störtebeker ist seit 1369 in Wismar nachweisbar. Entweder stammt er aus der Stadt selbst oder von der Wismar vorgelagerten Insel Poel. Bereits 1380 fällt er in Wismarer Gerichtsprotokollen auf, allerdings als Opfer einer Schlägerei. Ab 1389 tauchen die ersten „Vitalienbrüder" auf, ursprünglich Seefahrer, die Kaperbriefe der Städte Wismar und Rostock mitführen und dem von den Dänen belagertem König Albert „Victualien" (Lebensmittel) zuführen. Klaus Störtebeker wird ihr Anführer und beginnt mit Kaperbriefen der Städte Wismar und Rostock. Jedoch bringt er irgendwann nicht mehr nur im Auftrag der Stadt Wismar die Hanseschiffe auf, sondern handelt auf eigene Faust. Damit wird er zu einer Gefahr für die Geschäftsbeziehungen der Hanse und als eine regelrechte Expedition der Hanse ihn 1401 endlich fassen kann, macht man kurzen Prozeß mit ihm und seinen Geschäftskollegen und enthauptet den Rest auf dem Hamburger Schindanger, dem Grasbock - bis auf wenige, die diesem Schicksal entkamen, weil der kopflose Störtebeker der Legende nach noch an ihnen vorbeilaufen konnte und sie damit begnadigt waren. Störtebeker als Theaterstück auf Rügen

Literatur
Matthias Puhle: Die Vitalienbrüder. Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Campus-verlag, Frankfurt/Main 2004/2012
 
 
Die Situation um 1370 Seitenanfang
Der dänische König Waldemar Atterdag läßt 1361 Visby besetzen, annektieren und ausrauben. Es gibt zwar 1.800 Tote, doch schlimmer ist der Raub von gut zwei Tonnen Gold und Silber: schließlich kämpfen 57 Städte gegen den dänischen König und erst 1370 wird der Krieg im "Frieden von Stralsund" beendet. Danach muß Dänemark der Hanse freie Fahrt durch die Ostsee gewähren und die Verbindung zwischen Nord- und Ostsee ist wieder gesichert. Damit hat die Hanse erstmals einen militärischen Konflikt zu ihren Gunsten entschieden und beendet und steht nun auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Sie entwickelt sich zu einem Städtebund.
 
 
Situation um 1400 Seitenanfang
Die Hanse überschreitet ihren Machthöhepunkt, weil sie ein Konstrukt geworden ist, das nicht mehr beherrschbar ist. Zuviele Städte müssen unter einen Hut gebracht werden, der internationale Handel erfordert internationale Banken, aber bestenfalls die Fugger wären in der Lage, die Geschäfte abzuwickeln. Diese Familie hat sich jedoch eher nach Süddeutschland und Venedig orientiert. Es fehlen Bankhäuser, Wechselstuben, feste Kurse, Versicherungen gibt es noch nicht. und die Kaufleute tragen alle Risiken alleine - das heißt auch den Verlust der Ware durch Schiffsunglück, Piraterie, politische Störungen und verdorbene Ware. Hinzu kommt, daß die Städte durch ihr Bürgertum (Handel, Handwerk, Verwaltung) im Ansehen steigen und aufsteigen wollen. Mächte, die der Hanse gefährlich werden können, werden im Zweifelsfalle lieber kurz gehalten, damit steigt aber auch das innen- und außenpolitische Risiko und der Standortfaktor einer politischen Sicherheit sinkt.
 
 
Der Niedergang um 1600 - Seitenanfang
Um 1600 gibt zuviele Hansestädte, zuwenig Absprachen untereinander, der Anteil der notwendigen Schmiergelder übersteigt die Rentabilität und als ein Syndicus für die Hanse, ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingesetzt wird, der die Mißstände abstellen soll, nimmt man ihn nicht ernst und hörte nicht auf dessen Empfehlungen. In London sorgt Queen Elizabeth I. dafür, daß die Kaufleute ihre Privilegien verlieren und schließt das Kontor, in Brügge weicht der Handel nach Antwerpen aus, weil es soviele rechtliche Einschränkungen gibt, daß der Handel dort ein unkalkulierbares Risiko gibt und in Bergen wird der Fischhandel dadurch unterlaufen, daß die Handelsschiffe aus Hamburg oder Bremen direkt die Lofoten anlaufen und bei den Fischern vor Ort einkaufen. Der Hanse geht es etwa so wie der Europäischen Union heute: zu viele Mitglieder, zu viel Eigennutz, zuwenig Verantwortung für das Ganze und dadurch entsteht eine Brüchigkeit, die sie entbehrlich macht. Verschärft wird die Situation in Bergen außerdem durch die Ausbreitung des Protestantismus, denn nun muß nicht mehr jeden Freitag Fisch gegessen werden- Dadurch ist mehr Stockfisch auf dem Markt, als verkauft werden kann und so verfallen die Fischpreise. 
 
Nach Nowgorod fährt kaum noch ein Schiff, weil diese Stadt nun Moskau direkt untersteht und ihre Bedeutung für die Hanse damit verloren hat. Iwan IV. ("Der Schreckliche") läßt sogar die meisten deutschen Kaufleute ins Gefängnis werfen, mit der Folge, daß sich nun erst recht keiner mehr nach Nowgorod traut. Auch eine deutsche Delegation der Hanse kann Ivan nicht umstimmen. Heute weiß man, daß die Hanse in Nowgorod eine Episode war - mehr nicht. Die Stadt blühte bereits lange vor der Hanse, hatte ihre eigene Kultur entwickelt und der Niedergang der deutschen Kaufleute hat ihr nicht geschadet.
 
 
Niedergang um 1669
Im 17. Jahrhundert zerfällt die Hanse endgültig und wird durch Städtebünde und militärische Allianzen abgelöst - zum letzten Hansetag kommen neun Städte von über zweihundert, die mal zu ihr gehört haben.

Gründe für den Niedergang gibt es genug: ein internationales Bankenwesen hatte es nicht gegeben, die Vielzahl von Territorialstaaten verstellte den Block auf ein großes Ganzes und  der fehlende Zentralstaat konnte die vielen Gebietskörperschaften nicht zusammenhalten (Reichsferne der Städte). Außerdem war der Kaiser  weniger an der Hanse interessiert als daran, sein Reich zusammenzuhalten, er war zudem traditionell gut katholisch, die Hanse aber immer protestantisch. Der Handel verlagerte sich nach Kolumbus Entdeckung in den Westen,  England und die Niederlande wurden wirtschaftlich wesentlich stärker und die Kaufleute der Ostsee verstanden sich erst in zweiter Linie als Hansemitglieder. Die Lübecker Zentrale war irgendwann zu wenig am Geschehen und die Kaufleute hatten eher Interesse an dem heimischen Handel - das Hemd war ihnen einfach näher als der Rock.

Am 11. Juni 1669 geht man nach der letzten Sitzung in Lübeck in Freundschaft auseinander und weiß, daß das Hanse-Kapitel abgeschlossen ist. Alle künftigen Belange werden den Städten Lübeck, Bremen und Hamburg übertragen. Seitenanfang

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