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Mozart - Reisebericht Salzburg 2006


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Salzburg
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Einspielungen
Literatur

 

Jedermann

Wolfgang Amadeus Mozart
Bericht Salzburg 2006 - weitere Reiseberichte
erstellt von Martin Schlu © 28.7. 2006/18.10.10, Korrekturen durch Elisabeth Walcher (1. Mai 2010), ergänzt 25.08.2017

 
Abflug mit der Frühmaschine um 6:40 Uhr, Ankunft um halb acht, Koffer abstellen im Hotel. Natürlich ist das Zimmer noch nicht frei und darum gehen wir erst mal zum Alten Markt und frühstücken beim "Kaffeehaus Fürst" (Erfinder der Mozartkugel) mit der Aussicht auf das Café Tomaselli, in dem schon Mozart seinen "Verlängerten" getrunken hat (Espresso mit Wasser „verlängert - aus einem "kleinen Braunen" wird ein großer "Verlängerter" und entspricht der normalen Tasse Kaffee in Deutschland) . Um neun macht das Mozarthaus auf und weil wir vor eins sowieso nicht ins Hotel kommen, gehen wir wieder dorthin, obwohl wir es eigentlich schon kennen. Diesmal ist es anders: ein Künstler (Robert Wilson) ließ einen großen Teil der Exponate in die Rumpelkammer stellen, dafür sehen wir einen Raum mit Puppe im Kinderbett, ein anderer Raum zeigt Salzburg von der Decke hängend, dafür deuten Leuchtpunkte im Fußboden Sterne an und die Bilder hängen auch verkehrt herum. Trotzdem schaue ich mir das Zimmer nicht im Kopfstand an. Glücklicherweise gibt es doch noch echte Exponate zu sehen, teilweise abgesperrt aber erkennbar. Als wir nach einer Stunde wieder hinausgehen, ist das Treppenhaus voll mit japanischen Reisegruppen, die sich gegenseitig fotografieren, draußen stürmt eine Reiseleiterin mit hoch erhobenem Schirm vorbei und fünfzig Amerikaner rennen atemlos hinterher (es müssen Amerikaner sein, kein anderer Tourist rennt mit Strohhut und Hawaii-Hemd durch Salzburg, ich auch nicht). Draußen hat es schon 28 Grad im Schatten und es wird wohl ein sehr heißer Tag werden, es ist noch nicht elf.
 
Durch die engen Gassen und Durchgänge kämpfen wir uns zum Universitätsplatz durch der das ganze Jahr über auch als Marktplatz für die Obst- und Gemüsehändler aus der Region dient, und setzen uns in die Universitätskirche. Dort ist es kühl, man kann dort lange bleiben und einfach Stille genießen. Nachdem wir uns abgekühlt haben, stöbern wir noch bei Höllriegl (älteste Buchhandlung Salzburgs). Bei einem Gespräch mit einem Kölner, den wir vor einem "Jedermann"-Plakat treffen, erzählt er uns, er habe den gestrigen "Jedermann" mit einer Stehplatzkarte für EUR 30.- gesehen und vielleicht sei dies auch noch für den "Figaro" möglich. Dies ist das Opernereignis des Jahres: Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt und natürlich Anna Netrebko, die im letzten Jahr eine hinreißende "Traviata" abgeliefert hat.
 
Wir gehen aus Jux also zur Theaterkasse und fragen, ob es noch etwas gibt. "Wir sind seit Februar ausverkauft, aber auf dem freien Markt kann man noch etwas bekommen - also EUR 1000.- müssen sie schon rechnen (pro Person)", sagt der Kassierer, "gestern habe ich eine Karte für EUR 10.000.- vermittelt, es gibt Leute, die zahlen soviel dafür." Wir lehnen dankend ab und beschließen, die Aufführung dann lieber "für umasunst" (Rheinisch: "für ömmesons" = gratis) vor der Großleinwand zu sehen. Nach noch einem Wasser (diesmal aus dem Supermarkt für 55 Cent/Liter laufen wir ins Hotel und bleiben erstmal auf dem Zimmer - bei 36 Grad muß man mittags nicht rausgehen.
 
Am Nachmittag bummeln wir noch ein bißchen durch die Stadt - die Sehenswürdigkeiten kennen wir zwar alle schon, aber man kann ja mal schauen, was sich verändert hat. Am Domplatz bauen die  Bühnenarbeiter die letzten Teile der Treppe, auf der später Jedermann, Tod und Teufel hinauf und hinunter steigen werden - kein Zuckerschlecken, die Teile sind schwer und man kann es eigentlich nicht in der Sonne aushalten. Die Fiaker stehen zwar im Schatten, aber die Pferde dampfen trotzdem - die Bühnenarbeiter auch. Aber auch diejenigen, die für die Licht- und Tontechnik zuständig sind, sind bei diesen Temperaturen bestimmt nicht zu beneiden. Solch eine Open Air Veranstaltung wie die Aufführung des „Jedermann“ wäre ohne den Aufbau stabiler Traversen gar nicht denkbar. Diese Gerüst – Systeme müssen große Lasten tragen, eine Menge an Scheinwerfern, die flexibel bedient werden, Tontechnik, die über eine größere Spannweite positioniert wird. Was wäre der „Jedermann“, wenn er nicht gut ausgeleuchtet wird und auch in der hintersten Reihe hörbar ist.
 

aufgenommen am 25.7.2006 © Martin Schlu
 
Als wir entsprechend ausstaffiert ("festliche Kleidung erwünscht" steht auf den Karten) gegen 20.00 Uhr auf den Einlaß warten, sind schon ein paar Hundert Leute da, die schwarzen Herren und Abendkleid-Damen wollen Jedermann, die anderen wollen Zuschauer gucken. Mir fällt ein Herr im Smoking auf, der außer den Eintrittskarten auch zwei Balkonkissen in der Hand hat. Der weiß schon, daß die Bänke hart und unbequem sind, denke ich mir. Ich habe mich nicht getraut, meinen Fotoapparat mitzunehmen, die anderen zweitausend Zuschauer haben ihren aber dabei und es wird schon mal warmgeknipst. Ich verdränge meinen Unmut damit, daß ich die DVD sowieso Zuhause habe und vernünftige Bilder mit dieser Kamera nicht hinbekomme und eigentlich wollen wir ja gucken und genießen - den Text kann ich sowieso fast auswendig.

Das Opening mit den Riederinger Kindern ist genauso toll wie auf der DVD von 2004, kleinere Abweichungen fallen mit auf, das kleine Mädchen kann mittlerweile dirigieren und fuchtelt nicht mehr irgendwie herum, sondern man kann sogar danach spielen. Gegen Ende fällt mir auf, daß ein Strich stattgefunden hat: die Szene, in der die Mutter im Nachthemd auf die Bühne stürmt, weil ihr Sohn seelisch gesund wurde und dabei den Teufel auf die Stirn küßt, wurde gestrichen - schade. Ansonsten ist die Aufführung viel besser als die DVD, weil viele Details, die parallel zum Hauptgeschehen passieren, auf dem Monitor nicht zu sehen sind - man weiß manchmal gar nicht, wohin man gucken soll. Die Explosionen sind körperlich zu spüren und die Lichtregie ist einfach irre: bei Spielbeginn ist die Welt in Ordnung, wenn der Tod das erstemal auftritt, ist Dämmerung, wenn Jedermann auch der letzte Freund verlassen hat, ist es zappenduster. (Mehr in einer eigenen Besprechung).
 
Der Beifall ist riesig, Peter Simonischek war klatschnaß geschwitzt und wird sich gefreut haben, daß er mit dem Totenhemd zumindest frische Wäsche kriegt. Als wir draußen sind, fallen mir die Busse auf, mit denen Teile des Ensembles abtransportiert werden, unter dem Beifall der Passanten und Winken - es ist eine tolle Atmosphäre. - Hintergrund
 
Nun haben wir Hunger und stellen fest, daß der Bürgersteig hochgeklappt worden ist. Im Tomaselli gibt es noch ein Omelett, aber richtig essen gehen scheint in Salzburg schwierig zu sein (Nachtrag Elisabeth Walchert 2010: "...mittlerweile hat sich das wirklich geändert!") . Es reicht aber zum Sattwerden und am nachmittag hatten wir uns schon einen Wein organisiert, den wir im Hotelzimmer aus Zahnputzgläsern trinken. Auch das kann Stil haben.
 
Am nächsten Tag machen wir ein bißchen Kultur, nehmen den Platz in Augenschein, auf dem die Leinwand aufgebaut ist und überlegen, ab wann man sich einen Sitzplatz sichern muß. Die Übertragung ist für 21:15 angekündigt, ein Vorprogramm gibt es ab halb acht. Wir fassen mal sieben Uhr ins Auge, versorgen uns mit Mineralwasser und diesmal habe ich die Kamera mit, man weiß ja nie.
 
aufgenommen am 26.7.2006 © Martin Schlu
 
Um sieben Uhr sind die ca. tausend Stühle zur Hälfte besetzt. Ein Glück, daß wir nicht später kommen, denken wir. Um halb acht ist es immer noch heiß, es ist kaum ein Stuhl frei. Viele andere sind allerdings mit Handtüchern belegt und nun fällt mir ein, daß wir keine Sitzkissen haben. Die Klappstühle sind aus Kunststoff, unbequem und hart. Als ich nach zwei Stunden neues Mineralwasser organisiere, ist meine Hose klatschnaß, der Hintern schmerzt und es sind schätzungsweise drei- bis viertausend Menschen auf dem Platz. Sie sitzen auf den Laternen, auf den Mauern, viele haben sich Klappstühle mitgebracht, manche sitzen auf dem Boden und ich brauche fast zwanzig Minuten um mit zwei überteuerten Flasche Mineralwasser wieder zurück zu kommen. Mittlerweile ist die Erwartung riesig und die Stimmung gut.
 
Um halb zehn kommt endlich die Ansage und als der Moderator (in Salzburg war es eben nicht Harald Schmidt) das Publikum bittet, die nächsten vier Stunden zu genießen, geht in Stöhnen durch das Rund. Fast allen tut jetzt schon der Po weh und wir haben abgemacht, daß wir erstmal den ersten Akt abwarten und dann weitersehen. Der Ton ist super, die Musik ebenso, Anna Netrebko ist als Susanna traumhaft besetzt und der erste Akt geht richtig schnell herum. Ein paar Zutaten fallen auf: es gibt die Figur des Amor, der ständig für Liebesbeziehungen sorgt, es gibt ein paar sehr komische Regieeinfälle (als sich Cherubino im Vorhang versteckt und später, diesen hinter sich herschleifend, "unauffällig" flüchtet). Dieser Figaro ist bislang der beste, den ich gesehen habe und das liegt an der Musik - ich meine jetzt nicht Mozart, sondern die Art und Weise, wie Harnoncourt und die Wiener die Musik zelebrieren -, an dem Ensemble und der Regie Martin Kucejs. Natürlich wird diese Einspielung auf DVD gekauft, wenn sie einmal herauskommt.

(Nachtrag 2010: Diese DVD habe ich mittlerweile bei amazon.de besprochen und sie gilt heute als Referenz für neues Musiktheater. Natürlich hat sich das Warten und dieser Abend gelohnt und heute noch höre und sehe ich mir immer wieder gerne diese DVD an - mittlerweile (2017) mußte sie ersetzt werden.

Trotzdem stehen wir kurz vor Mitternacht nach dem zweiten Akt auf und wanken mit schmerzendem Hintern ins Hotel, klatschnaß geschwitzt. An einem Büdchen bekommen wir noch ein kaltes Bier und eine Flasche Wein und als das Erste eingeschaltet wird um über Nachrichten noch etwas zu erfahren, bekommen wir noch fast den ganzen vierten Akt mit (ORF und ARD sendeten live, wir guckten zeitversetzt). Trotzdem, ein Fernseher ist keine Alternative zur Oper, auch wenn der Sessel im Hotel entspannender ist als fünf Stunden Ikea-Klappstuhl. Wer diese Aufführung sehen will, möge sich beizeiten einen billigen Flug, ein billiges Hotelzimmer und Stehplatzkarten oder ein Kissen und billige Sitzplätze besorgen, ab Januar kann man sich für die kommende Saison bewerben (das ist das richtige Wort). Trotz Holzbank und Klappstuhl ein traumhaftes Erlebnis, eins von den Dingen, die man einmal im Leben machen sollte.

Ein hilfreicher Link ist da die Homepage der Festspiele selbst, denn da bekommt man eigentlich die günstigsten und besten Plätze.
www.salzburgerfestspiele.at

Informationen zu den Freikonzerten auf der Großbildleinwand
http://www.siemens.at/kultur
 
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